Jurij Dikow
Der Ruf der Einsamkeit
aus Tagebüchern

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Diese Aufzeichnungen schrieb Jurij Pawlowytsch Dikow in wenigen Septembernächten des Jahres 1981 nieder.

Sie waren für ihn von besonderer Bedeutung. Sie erzählen davon, wie er im Alter von dreieinhalb Jahren begann, sich seines eigenen Daseins bewusst zu werden – in jener Stunde, als sein geliebter Onkel sich von seiner Mutter verabschiedete und in den Krieg zog.

Sie erzählen davon, wie das Gefühl des eigenen Seins und der Einsamkeit in ihm während der Neujahrstage des Jahres 1942 Wurzeln schlug, als deutsche Truppen das Dorf Schebarschino niederbrannten und Alte und Kinder in eine unbekannte Richtung trieben.

Heute, im siebenundachtzigsten Lebensjahr, erzählt er diese Geschichte aus der Erinnerung – mit seiner Stimme, ohne die Welt von heute um sich herum sehen zu können, und doch sieht er durch seine Tränen jene Zeit und jene Menschen von damals.

Es war das erste Jahr seiner Ehe mit Olga Kogan. Deshalb beginnen diese Aufzeichnungen mit einer Anrede an die Frau, an deren Seite er sich selbst noch einmal verstehen wollte – von seinem allerersten Anfang an.

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17.IX.1981 (Nacht)

Olik, mein Sonnenschein!
An den Tagen, die mich von dir fernhalten, wird das unaufhörliche Gespräch mit dir zum wichtigsten Inhalt meines Lebens – ein Gespräch über alles auf der Welt, also über dich und über das, was dir wichtig ist und was du brauchst.

Doch wie hat alles begonnen? Wo liegt meine erste Erinnerung an mich selbst?
Für mich liegt sie jedenfalls nicht in der sichtbaren Welt der Dinge, sondern in jenem Gefühl, mit dem ich zum ersten Mal spürte, dass ich bin – und dass mich gerade dieses Bewusstsein bedrückte.
Ich gehe zurück zu meinen ersten eigenen Erinnerungen, zu denen, die nicht aus den Erzählungen meiner Großmutter oder meiner Mutter über mich stammen. Ich möchte dort verweilen, wo das schmerzliche Erwachen des Selbstbewusstseins am deutlichsten hervortritt.
Dieser Weg ist unsicher und bruchstückhaft. Doch jedes Mal, wenn die Erinnerung konkrete Bilder meiner frühen Kindheit hervorruft, erwacht zugleich immer wieder derselbe Zustand – das Gefühl, das mich als Kind stärker und beständiger begleitete als jedes andere. Kein späteres Empfinden ist mir tiefer oder eindringlicher in Erinnerung geblieben.
Vielleicht lässt es sich am besten so nennen: die ersehnte Traurigkeit der Einsamkeit.



19.IX

So war es. Daran erinnere ich mich mit großer Klarheit, und hier beginnt meine Erinnerung.
Zwei Menschen sitzen schweigend und angespannt an einem Küchentisch, der mir damals riesig erschien. Ich selbst sitze auf dem Boden oder vielleicht auf einem kleinen Schemel – jedenfalls sehe ich beide von unten.
Sie sitzt mit kraftlos auf den Knien ruhenden Händen da. Er trägt einen Seesack auf dem Rücken, über dem der Schirm einer Militärmütze hervorragt.
Hinter ihnen zeigt das Fenster einen vertrauten Sommertag. Doch ich kann ihn nicht erreichen. Zwischen der Straße und mir steht der Schmerz dieser beiden Menschen. Er zwingt mich, still zu werden und mich in mich selbst zurückzuziehen.
Dann steht er auf und sagt:
"Nun, Mutter, es ist Zeit."
Er wirft sich den Seesack über die Schulter, hebt mich hoch, setzt mich auf seine Schulter und trägt mich hinaus auf die Straße. Dabei beginnt er zu singen:
"So bleibt gesund und lebt in Wohlstand.“
(aus einem populären sowjetischen Lied jener Jahre)
Doch in mir zieht eine tiefe Traurigkeit auf. Dieses Lied macht mir Angst. Es erschreckt mich, von oben zu sehen, wie die Frau, die er eben »Mutter« genannt hat, sich an seinen Ärmel klammert.
Und mehr als alles andere wünsche ich mir zurück in jenes Schweigen der Küche, das gerade unwiederbringlich zerbrochen ist.



20.IX

Bei diesem letzten Besuch holte ihn jedoch der Krieg ein. Schon im Juli 1941 galt er als vermisst.

Wahrscheinlich verbrannte er einfach in seinem Panzer.

Während des Krieges und noch viele Jahre danach suchte die Familie nach ihm. Man hoffte, er sei in Gefangenschaft geraten, klammerte sich an jede Nachricht über Heimkehrer, die einst als vermisst gegolten hatten. Doch Wiktor blieb für immer jenseits jeder Gewissheit. Er blieb eine Hoffnung auf ein Wunder, die sich nie erfüllte, eine geliebte Familienlegende – ein guter, selbstloser Mensch, dessen Leben kein Weiter hatte und keine alltäglichen Spuren hinterließ.

Doch das Lied „So bleibt gesund und lebt in Wohlstand“ schmerzt mich bis heute.

Sein Klang, den ich damals zum ersten Mal auf den Schultern meines Onkels hörte, geht in meiner Erinnerung einer anderen Melodie voraus und verbindet sich mit ihr – einer Melodie, die mir ebenfalls bis ans Ende meines Lebens keine Ruhe lassen wird. Vielleicht wird diese Unruhe erst mit dem Verschwinden unserer ganzen Generation vergehen:

„Steh auf, gewaltiges Land!“
(erste Zeile des sowjetischen Kriegsliedes „Der heilige Krieg“)

Dieses Lied hörte ich bereits im Moskau des Jahres 1942 – in einem späten Winter voller Schneestürme. Licht gab es für mich damals nur noch aus einer kleinen Petroleumlampe: einem Glasfläschchen mit Kerosin, in das ein Docht hinabhing, dessen oberes Ende von einer Metallhülse gehalten wurde.

In dieses Moskau kehrten wir nach der Besatzungszeit zu viert zurück – meine Großmutter, meine Mutter, meine Schwester und ich. Unser Haus war inzwischen von den Deutschen Soldaten niedergebrannt worden.
Mutter.
Irina Fedorovna Dikowa.
Foto: Privatarchiv
Vor unserer Rückkehr jedoch hat die Erinnerung noch zwei weitere Bilder bewahrt.
Es ist merkwürdig: Nach dem Abschied meines Onkels Wiktor, an den ich mich schon beinahe bewusst erinnere, geschahen so viele erschreckende, unerwartete und gewaltige Dinge. Doch in meiner Erinnerung sind sie nur als flüchtige, zufällig beleuchtete Einzelheiten geblieben – Einzelheiten, die an sich gar nicht besonders bedeutend waren.

Ich sehe Flugblätter, die aus einem deutschen Flugzeug herabregnen. Doch nicht das Flugzeug selbst hat sich mir eingeprägt, sondern das überwältigende Blau des Himmels – heute verstehe ich, dass es der Himmel eines Septembertages gewesen sein muss. Mir war warm. Als sich mein Blick vom Himmel löste, fiel er auf eine andere Farbe: den noch immer grünen Hang, der zum Fluss hinabführte, verborgen hinter bereits bräunlich gewordenen Erlen.
Ich erinnere mich an Uniformmäntel, die den Fluss hinuntertrieben, an dessen Ufer unser Haus stand, und an die Worte hinter meinem Rücken:
"Von Jordyschka. Dort hat es sie erwischt."

Erst viel später verstand ich, dass die Iskona (ein Fluss in Russland) die Leichen sowjetischer Soldaten mit sich führte. Deutsche Fernartillerie hatte sie in einem lichten, heiteren Waldstück getroffen, das aus irgendeinem Grund Jordyschka hieß. Dieses Wort ist für mich bis heute geheimnisvoll geblieben – und ich verspüre keinen Wunsch, sein Geheimnis zu lüften.
Danach erinnere ich mich daran, wie tief ich mich gekränkt fühlte. Zusammen mit meiner Großmutter und meiner Schwester mussten wir uns hinter unserem Grundstück aufhalten – oder, wie meine Großmutter sagte, "hinter dem Plan". Währenddessen zogen betrunkene deutsche Soldaten durch unser Haus.
Und schließlich die Szene, die mich in hysterische Verzweiflung stürzte: Sie erschossen meinen Liebling – einen riesigen, prächtigen Hahn, gutmütig und zugleich stolz und frech, den ich besonders wegen des rötlichen Schimmers seines kupferfarbenen Gefieders liebte. Deutsche Soldaten, die gerade erst ins Dorf gekommen waren, schossen mit ihren Maschinenpistolen auf ihn.

Doch dann erhebt sich aus meiner Erinnerung erneut klar und zusammenhängend das Bild jenes Küchentisches, an dem sich meine Großmutter einst von ihrem Sohn verabschiedete.
Jetzt sitze ich selbst an diesem Tisch. Neben mir sitzt ein deutscher Offizier.
Nein – er ist weder fremd noch furchteinflößend. An die vielen Menschen im Haus hatte ich mich inzwischen gewöhnt, und auch der schmerzliche Verlust des Gefühls, zu Hause zu sein, war nicht mehr so stark. Das Wohnzimmer war zur Offiziersmesse einer österreichischen Fliegereinheit geworden, während man uns hinter den Holzofen in die Küche verdrängt hatte.
Doch etwas quält mich: der Duft von Anis, der von einem Bonbon ausgeht, das mir dieser Offizier geschenkt hat. Dass es Anis war, begriff ich erst viele Jahre später in Moskau, als mir derselbe Geschmack wieder begegnete.
Er schenkte mir das Bonbon und strich mir über den Kopf. Unter seiner Hand zog sich meine Kopfhaut wohlig zusammen – mit jener tränennahen Sehnsucht, die ich schon kannte.

Und wieder zerfiel die Welt in drei Teile:
die dunkle Tiefe der Küche,
noch dunkler geworden durch die Uniform des Offiziers, die das letzte winterliche Licht vor dem Fenster verschlang,
die graue Tischplatte direkt unter meinem Kinn,
und schließlich das matte Weiß der Schneeverwehungen draußen vor dem Fenster, auf die ich mit tränenüberlaufenden Augen blickte – erfüllt von dem schmerzlichen Gefühl meiner eigenen Kleinheit und Verlorenheit.
  • Klementjewo (Das Dorf liegt im Oblast Moskau).
Deutsche Soldaten
Foto: pastvu.com
21.IX

Zum dritten Mal tauche ich in diesem Kriegswinter in eine Erinnerung an mich selbst auf, die ich bewusst wahrnehme – mitten in der Welt der sichtbaren Dinge.
Diese Erinnerung beginnt unvermittelt, scharf und ohne jenes flimmernde Erwachen aus der Dunkelheit.
In ein großes Umschlagtuch eingewickelt, aus dem nur noch meine Filzstiefel hervorschauen, sitze ich auf dem Boden eine fremde Isba (ein traditionelles russisches Blockhaus in ländlichen Gebieten). Sie ist voller Menschen und feucht von der Kälte, die ständig durch die geöffnete Tür hereindringt.
Zu meinen Füßen liegt die Leiche eines Mannes, der mir damals wie ein Erwachsener erschien.
Ich habe keine Angst. Aber ich bin auch nicht neugierig.
Nur das geronnene Blut um seine Wunden lässt meinen Blick nicht los.
Vorsichtig strecke ich sogar die Hand aus und berühre heimlich seine verkrampfte, von einer Kugel durchbohrte Hand.
Da wachsen plötzlich Stiefel vor mir auf – fast durch mich hindurch.
Ich blicke hoch.
Ein deutscher Soldat, bewaffnet und ganz von seiner Aufgabe erfüllt, weist die weinenden Frauen, die ihn um etwas anflehen, ungeduldig ab. Dann hebt er plötzlich den Fuß und beginnt, den Toten mit trägen Tritten zur Tür zu schieben.
Was danach geschah, weiß ich nicht mehr.
Geblieben ist mir nur der Augenblick, in dem sich unsere Blicke begegneten – meiner und der des deutschen Soldaten.
Er nahm mich kaum wahr. Flüchtig und beinahe gedankenlos lächelte er, und während er sich schon wieder den klagenden Frauen zuwandte, richtete er spielerisch seine Maschinenpistole auf mich – als wollte er einem Kind mit den Fingern eine Ziege zeigen.
Doch nicht Angst ergriff mich.
Es war diese lähmende, tiefe Verlassenheit.

Erst etwas später, gegen Ende des Krieges, als mein Gedächtnis ohne Unterbrechung zu funktionieren begann, erfuhr ich, was damals geschehen war und neben wessen Leiche ich gesessen hatte.
Klementjewo (Das Dorf liegt im Oblast Moskau).
100 km bis Moskau.
Foto: patvu.com
In Schebarschino, dem Dorf, das ich als meine eigentliche Heimat betrachtete und in dem ich bereits fest im vierten Jahr meines Lebens angekommen war, erschienen die deutschen Soldaten Mitte Oktober. Bald darauf wurden sie von jener österreichischen Fliegereinheit abgelöst, die unser Haus als Offiziersmesse in Anspruch nahm.
Nach den frechen deutschen Infanteristen, erhitzt vom Kampf und von der Verfolgung des Gegners, die das ganze Dorf im Vorübergehen ausgeraubt hatten, wirkten die Österreicher wie ausgesprochen rücksichtsvolle Sommergäste. Deshalb schwang in den Erinnerungen der Bewohner von Schebarschino an die Besatzungszeit an dieser Stelle stets ein beinahe entschuldigender, verlegener Unterton mit.
Doch nach dieser kurzen österreichischen Ruhe verschlechterte sich die Lage rasch.
Zunächst wurden die Flieger von Finnen abgelöst – „die rothaarigen Basurmanen“, wie meine Großmutter sie nannte (Basurmanen – alter russischer Ausdruck für Fremde oder Andersgläubige; hier als abwertende Bezeichnung für die finnischen Soldaten). Sie terrorisierten das Dorf mit einer kleinlichen, gleichförmigen und hartnäckigen Grausamkeit.
Als schließlich unsere Winteroffensive in vollem Gange war, rückte ein Strafkommando in Schebarschino ein – vermutlich eine Einheit der SS, die im Frontgebiet für „Ordnung“ sorgen sollte.
Die Straftruppe begann sofort mit der Suche nach versteckten Waffen. Im Haus einer Witwe fanden die Soldaten ein beschädigtes Mosin-Gewehr, das ihr dreizehnjähriger Sohn aufgehoben hatte. Darauf stand die Todesstrafe durch Erschießen.
Der Junge, vom Entsetzen über die bevorstehende Hinrichtung zermürbt, klammerte sich an die einzige Rechtfertigung, die ihm noch blieb.

„Ich bin nicht der Einzige.“

Als man ihn fragte, wen er damit meine, nannte er Wolodja Dikow – einen Moskauer, einen Fremden unter den Jungen von Schebarschino, der mit seiner Mutter, seiner Großmutter und seiner kleinen Schwester ins Dorf gekommen war, um dem Hunger und dem Chaos der Stadt zu entgehen.
Deutsche Soldaten durchsuchten das Haus, in dem die Moskauer Familie lebte. Sie fanden nichts. Doch nachdem sie erfahren hatten, dass Wolodja Dikow Pionier und der Sohn eines Milizionärs war, nahmen sie ihn mit.
Am nächsten Tag wurde bekannt, dass er noch vor dem Abend erschossen werden sollte.

Vor Einbruch der Dämmerung trieben die deutschen Soldaten die Bewohner des ganzen Dorfes auf die riesige Wiese jenseits des Flusses, die nur notdürftig mit Schnee bedeckt war. Vor den Augen aller töteten sie den Jungen.
Sie töteten ihn auf grausame Weise. Vor seinem Tod zwangen sie ihn, seine letzten Kräfte im Schreien zu verausgaben.
Verwundet kroch er über den Schnee und flehte seine Mutter an, den Kommandanten zu bitten, nicht weiter auf ihn zu schießen.
Doch sie schossen weiter – Kugel um Kugel –, bis er schließlich verstummte.

Mein Gott, wie er schrie. Und welche Schmerzen er gelitten haben muss.

Es wurde verboten, den Erschossenen zu begraben. Doch in der Nacht brachten seine Mutter und meine Großmutter Wowka (ein kurzer Name von Wolodja) heimlich ins Haus. Sie hofften, ihn für die Beerdigung vorzubereiten und noch vor Tagesanbruch unbemerkt im Gemüsegarten zu bestatten.
Aber der Boden war zu tief gefroren, und es gelang ihnen nicht, rechtzeitig ein Grab auszuheben.
Am nächsten Morgen erschien – nach den Nachbarinnen, die aus Mitgefühl oder auch aus Neugier gekommen waren – eine deutsche Patrouille und verlangte, den Erschossenen an den Ort der Hinrichtung zurückzubringen.

Dokument aus dem Zentralen Staatsarchiv des Moskauer Gebiets

Quelle: безсрокадавности.рф

Protokoll
20. Juli 1943
Die Kommission, bestehend aus dem Vorsitzenden Prochor Pawlowitsch Walossow,
den Kommissionsmitgliedern Nikolai Silwestrowitsch Ostaschenkow und Pelageja Petrowna Lepeschkina,
sowie den Zeugen Pawel Akimowitsch Pyrkow und Alexandra Iwanowna Saizewa,
alle wohnhaft im Dorf Schebarschino, Rajon Moshaisk, Gebiet Moskau,
hat dieses Protokoll über die von den deutsch-faschistischen Besatzern im Dorf Schebarschino, Rajon Moshaisk, Gebiet Moskau, begangenen Verbrechen aufgenommen.
Am 30. Dezember 1941 wurden die Einwohner des Dorfes Schebarschino,
Iwan Sidorowitsch Umanski, geboren 1898,
und Wladimir Nikolajewitsch Dikow, geboren 1928,
erschossen.
Umanski wurde in der Nähe des Hauses von Tatjana Wassiljewna Pyrkowa erschossen,
Dikow außerhalb des Dorfes, in Richtung des Dorfes Cholm, etwa 100 Meter entfernt.
Dieses Protokoll wurde hiermit aufgenommen.




Siegel und Unterschriften

So sehr die Frauen auch weinten und die deutschen Soldaten anflehten, den Unglücklichen in Ruhe zu lassen – gelangweilt und ohne jede Eile stießen sie den toten Jungen mit den Füßen über die Türschwelle hinaus und gingen davon. Sie ließen ihn mitten auf der Straße liegen. Erst spät am Abend gelang es, Wolodja in einer Schneewehe zu verbergen.
Zwei Tage später begannen auf der östlichen Seite, in Richtung Moshaisk, die Dörfer eines nach dem anderen zu brennen. Die sich zurückziehenden deutschen Soldaten setzten sowohl die Wohnhäuser der Menschen als auch ihre eigenen Unterkünfte in Brand.
In einer tief gefrorenen Furche auf einem sanft ansteigenden, umgepflügten Hügel stand ich zwischen den beunruhigten Frauen unserer Siedlung, die schweigend das Unheil erwarteten.
Pawlischtschewo, Pereschtschanowo, Radtschino, Dritte Farm, Klementjewo (Dörfer in der Umgebung von Moshaisk in der heutigen Moskauer Oblast) – alles, was das Auge erreichen konnte, stand in Flammen.
Als schließlich Klementjewo brannte, das große Dorf ganz in unserer Nähe, einst Verwaltungszentrum der Wolost, gab es keinen Zweifel mehr:
Nun würde auch Schebarschino brennen.

Meine Großmutter und meine Mutter liefen ins Haus. In eine Truhe packten sie alles, was ihnen unentbehrlich erschien – Kleidung, Geschirr und die Nähmaschine – und begannen, sie im Erdkeller zu vergraben.
Bei dieser Arbeit wurden sie vom Brandkommando überrascht. Es jagte alle aus dem Haus, ohne ihnen Zeit zu lassen, auch nur das Nötigste mitzunehmen.
Auf der Straße stellten die Angehörigen des Strafkommandos inzwischen die Bewohner von Schebarschino zu einer Kolonne auf.
Kaum hatten meine Schwester und ich auf dem Schlitten Platz genommen, wurde die allmählich verstummende Menschenmenge nach Westen getrieben.
Meine Großmutter und meine Mutter gingen neben Jekaterina Wassiljewna Grusinowa, der erschöpften und korpulenten Mutter des erschossenen Wolodja Dikow. Mit letzter Kraft zog sie den Schlitten, auf dem ihre kaum noch bewegliche, nach Luft ringende Mutter und ihre vierjährige Tochter saßen.

Am Fluss entlang, vorbei an den wenigen Weidenruten und den vertrockneten Distelstängeln, die aus den Schneeverwehungen ragten, verließ der verstummte Keil aus Kindern und Frauen, ohne auf den Weg zu achten, die Niederung der Siedlung. Über den steilen, glattgefahrenen Anstieg gelangte er in die Häuserzeile, die über notdürftig gezimmerte Holzstege auf die Anhöhe führte – und weiter nach Uwarowka, Gschatsk und schließlich nach Weißrussland.
Ich hatte mich bereits mit der Ungewissheit des Weges abgefunden.
Aus allen zufälligen Geräuschen hatte ich das Knarren der Kufen unseres Schlittens herausgehört.
Ich hatte mich bereits mit der Ungewissheit des bevorstehenden Weges abgefunden. Aus allen zufälligen Geräuschen blieb nur noch das Knarren der Schlittenkufen. Und indem ich meinen Blick starr auf die Schöße des Tulups (Tulup – ein traditioneller, langer Wintermantel aus Schaffell mit der Fellseite nach innen; in Russland und der Ukraine weit verbreitet) meiner Großmutter richtete, fand ich fast das Gefühl häuslicher Geborgenheit wieder.
Frau mit den wenigen geretteten Habseligkeiten vor einem brennenden Haus in der Nähe von Moskau.
1941.
Foto: Galina Sanko, Zeitschrift Sowetskoje Foto, Nr. 3, 1985.
Ich weiß nicht mehr, wer sich als Erster umblickte, ja nicht einmal, ob es diesen Ersten überhaupt gab. Doch fest eingeprägt hat sich mir jener Schrei, der mir bis heute in den Ohren nachhallt: »Sie haben es angezündet!« Dieser Schrei ließ alle zugleich herumfahren, und wir sahen, wie der äußerste Rand unserer Siedlung in Flammen aufging.
Die Bewacher wussten genau, was sie zu tun hatten. Sie gaben niemandem auch nur eine Minute Zeit, in die gefährliche Gleichgültigkeit der Verzweiflung zu verfallen. Entschlossen, abgestimmt und zielgerichtet trieben sie die aufschreienden Frauen und die weinenden Kinder auf die Hauptstraße von Schebarschino und jagten die – weiß Gott, wozu ihnen nützliche – Menschenmenge im Laufschritt hinter den Dorfrand, auf den Weg nach Cholm, wo unser Weg nach Westen, in die Gefangenschaft, seinen Anfang nahm.
Während wir als geschlossener Pulk durch das Dorf getrieben wurden, drehte jeder den Kopf angespannt zur Siedlung und suchte in den Lücken zwischen den noch unversehrten Häusern der Hauptstraße nach seiner eigenen Isba (traditionelles russisches Bauernhaus aus Holz) – vielleicht hatte das Feuer sie verschont.
Es hatte sie nicht verschont.

Die ganze Siedlung brannte, und die Soldaten mit den Benzinkanistern gingen bereits zu den Häusern, an denen wir eben noch vorbeigekommen waren.
Die Menschenmenge, vereinzelt durch das gleiche Leid und dieselbe Ohnmacht, verließ Schebarschino und fädelte sich auf den schmalen Feldweg ein, der im tiefen Schnee kaum noch zu erkennen war. Ein Teil der Bewacher setzte sich an die Spitze der Kolonne, die anderen schlossen sie von hinten ein.

Deutsche Truppen verlassen ein brennendes sowjetisches Dorf.
Foto: Guido Knopp. «Der verdammte Krieg. Unternehmen Barbarossa».
C.Bertelsmann Verlag GmbH. München, 1991
Ich hielt den Blick wieder auf den Rücken meiner Großmutter gerichtet und sah nur gelegentlich zu meiner Mutter hinüber, die neben uns ging und Jekaterina Wassiljewna half, indem sie sich mit vor deren Schlitten spannte.
Das Frösteln, der Geruch von schnell erkaltendem Brand, das unaufhörliche Klagen über unseren Köpfen und die eintönige Sinnlosigkeit des mühsamen Anstiegs über den zerfahrenen Hang ließen mich allmählich in einen dösenden Zustand sinken. Erst nach einer Weile bemerkte ich, dass das Weinen der Frauen hier und dort in Beschimpfungen und drohende Schreie überging.
Plötzlich drängten sich mehrere Frauen mit verbissener Entschlossenheit durch die enge, ins Stocken geratene Kolonne auf uns zu. Unter ihnen waren auch Nachbarinnen und Freundinnen meiner Mutter, die oft zu uns ins Haus gekommen waren. Sie stießen meine Großmutter beiseite, die ihnen den Weg versperren wollte, packten die völlig gebrochene Jekaterina Wassiljewna und schrien:
„Sie ist schuld! Die Moskauer Hexe! Wegen ihres Bengels haben sie alles angezündet!“

Sie stießen die vor Schmerz und Verzweiflung erstarrte Frau an den Straßenrand, warfen sie in den Schnee und begannen, mit den Füßen auf sie einzutreten. Sie blieb reglos bäuchlings liegen, schützte nicht einmal ihren Kopf, sondern zog nur die Arme unter sich. Als sie spürte, dass ihre Peinigerinnen erschöpft waren, versuchte sie, schwankend und im tiefen Schnee einsinkend, wieder aufzustehen. Doch da stürzten die außer sich geratenen Frauen den Schlitten mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Tochter über sie.
Erst da begann Jekaterina Wassiljewna zu weinen.

Die Bewacher, die inzwischen herangekommen waren, griffen nicht ein, obwohl sie das für sie unverständliche Handgemenge auch nicht sonderlich interessierte. Sie blieben einfach stehen, solange sie wollten. Als sie genug davon hatten, gaben sie eine warnende Salve aus ihren Maschinenpistolen ab und gingen, ohne sich noch einmal umzusehen, auf ihre Plätze zurück. Die erschöpften Frauen kehrten als Gruppe in die wartende Kolonne zurück, und kurz darauf kam auch Jekaterina Wassiljewna wieder, an den Armen anderer gestützt.
Meine Mutter hob den Schlitten mit der alten Frau und dem kleinen Mädchen wieder auf, und wir zogen erneut nebeneinander weiter. Langsam erreichten wir den vereisten Kamm des Hanges, der dem Seitenwind schutzlos ausgesetzt war. Nicht weit vor uns zeichnete sich bereits der Waldrand der Jördyschka ab – jenes Waldes, den ich aus den Sommertagen so liebte.
Es wurde immer kälter. In der Hoffnung, möglichst bald den schützenden Wald zu erreichen, beschleunigten alle gleichzeitig ihre Schritte. Immer wieder blickte jeder zum rötlichen Abendhimmel zurück, ob sich dort Rauch zeigte. Hinter dem Wald begann der Hügel mit Cholm, einem großen Dorf mit Kirche und Friedhof. War es nicht in Brand gesetzt worden, dann bedeutete das wenigstens die Hoffnung auf ein Nachtlager.

Gräber deutscher Soldaten bei Moskau.
Auf dem Holzkreuz steht:
„Sie wollten nach Moskau – und landeten im Grab.“
Foto: Nikolai Sitnikow, 1942.
25.IX.2023 г.

Rückkehr zu den Erinnerungen - Gespräch von Jurij Dikow (J. D.) mit seiner Stieftochter Ljubow Summ (L.S.)
(Fortsetzung eines Gesprächs – zweiundvierzig Jahre später)

L. S.: Ihre Erinnerungen enden an der Stelle, als deutsche Soldaten Sie aus dem niedergebrannten Dorf trieben und Sie in der Ferne ein Dorf sahen, in der Hoffnung, dort die Nacht verbringen zu können. Was geschah danach? Hier möchte ich Sie bitten, die Geschichte zu ergänzen. Sie haben erzählt, dass Sie am nächsten Tag auf unsere Soldaten trafen (gemeint sind sowjetische Soldaten.).
J. D.: Man ließ uns hinein. Dieses Dorf wurde nicht niedergebrannt, und wir durften in einem Haus auf dem Fußboden übernachten. Am nächsten Tag kamen unsere Soldaten. Sie hatten die deutschen Truppen vertrieben. Der Kommandeur trat zu meiner Großmutter und sagte: "Mutter (Im Russischen ist „Mutter“ eine traditionelle respektvolle Anrede für ältere Frauen und bezeichnet hier nicht die leibliche Mutter), verzeih uns, dass wir nicht rechtzeitig gekommen sind. Sie haben euer Dorf niedergebrannt. Wir haben uns beeilt, aber wir kamen zu spät."
Das ist mir im Gedächtnis geblieben.
L. S.: Und danach … kam Ihre Mutter und holte Sie ab?
J. D.: Nein, nicht meine Mutter. Es war der Mann ihrer jüngeren Schwester. Er brachte uns zusammen mit meiner Großmutter nach Moskau. Wegen der Ausgangssperre mussten wir jedoch die Nacht auf dem Belorussischen Bahnhof verbringen. Und bis heute erinnere ich mich an diese Bahnbänke – gelb, groß und breit waren sie. Genau sie sind mir im Gedächtnis geblieben.
L. S.: Dann knüpfe ich an dieser Stelle an. In Ihren Aufzeichnungen heißt es: „Moskau 1942. Das verborgene Gelb der hölzernen Bänke auf dem Belorussischen Bahnhof.“
Der Belorussische Bahnhof, 1942.
Foto: pastvu.com
L. S.: „Wo uns auf dem Weg vom Zug nach Hause der Fliegeralarm überraschte. Scheinwerfer, kurze Sprints über das Kopfsteinpflaster, schräg hinüber zum Luftschutzbunker. Asseln, die in unserem Kellerzimmer hinter den feuchten Abwasserrohren hervorkrochen – widerwärtig zwar, doch wegen der Trägheit ihrer Bahnen keinen atemberaubenden Ekel verdienend; die Petroleumlampe auf dem Boden, die Angst vor verschüttetem Petroleum und wie ich vor der Unausweichlichkeit der Strafe allmählich ganz schwach wurde. Scharlach. Das schreckliche Wort "Isolierstation" im Kinderkrankenhaus. Die Erschöpfung nach tagelangem Kartenspiel "Akulina«" (einem russischen Kartenspiel für Kinder, ähnlich dem deutschen ‚Schwarzen Peter") mit dem Nachbarsmädchen. Der Husten ihres Vaters, von dem ich damals erfuhr, dass er Tee geraucht hatte, um nicht an die Front zu müssen und einen längst verheilten Lungenprozess wieder aufbrechen zu lassen".

Das ist sehr eindrucksvoll geschrieben. Ihre Ankunft in Moskau, der Bahnhof und vor allem diese Einsamkeit, als Sie allein in Ihrem Zimmer in der Samorenowa-Straße zurückblieben – wenn Sie das erzählen, wäre das ein sehr guter Abschluss der ganzen Geschichte. Wie war dieses Leben in jenem Zimmer? Dieser Kriegswinter – wie haben Sie ihn erlebt?

J. D.: Es war ein düsteres Leben. Das Schlimmste war der Petroleumkocher. Meine Schwester weinte, weil sie Hunger hatte, und ich wollte das Essen aufwärmen. Dabei kippte der Kocher um. Das war schrecklich! Ich wischte das verschüttete Petroleum vom Boden auf und weinte.

L. S.: Warum war das so schlimm? Wegen des Feuers? Oder weil das Petroleum damals so kostbar war?

J. D.: Weil ich es verschüttet hatte. Der schwere Geruch des Petroleums hing im ganzen Zimmer. Und es bestand die Gefahr, dass alles Feuer fing, wenn jemand ein Streichholz anzündete.

L. S.: Das haben Sie damals schon verstanden? Mit dreieinhalb Jahren?

J. D.: Ja. Ich wusste, dass Petroleum brennen konnte. Ich hatte ja den Brand erlebt, den die deutschen Soldaten im Dorf gelegt hatten. Das Feuer verfolgte mich.

L. S.: Das verschüttete Petroleum … Und später kam Ihre Schwester in die Kinderkrippe und Sie blieben ganz allein in diesem Zimmer?

J. D.: Ja. Später wurde allerdings ein Kindergarten eröffnet, der Tag und Nacht geöffnet war, und meine Mutter brachte mich dorthin. Aber das ganze Jahr 1942 habe ich in diesem Keller verbracht.

L. S.: Erzählen Sie doch: Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Woran haben Sie damals gedacht?

J. D.: Zunächst war meine Großmutter noch bei mir. Als dann der Kindergarten eröffnet wurde, kehrte sie ins Dorf zurück und grub sich dort eine Erdhütte. Ich kam in den Kindergarten und erst 1944, nach dieser Zeit dort, wieder nach Hause.

L. S.: Das heißt, der Kindergarten war nicht nur Tag und Nacht geöffnet, sondern auch ohne freie Tage?

J. D.: Ja, ohne freie Tage.

L. S.: Also praktisch wie ein Internat.

J. D.: Ja. Er gehörte zur Trechgorka (umgangssprachliche Bezeichnung der „Trechgornaja Manufaktura“, einer der ältesten und größten Textilfabriken Moskaus). Die Direktorin dieser Fabrik war eine bekannte Frau; später wurde sie Mitglied des Zentralkomitees. Sie kümmerte sich sehr um die Kinder der Fabrikarbeiter. Deshalb wurden dort Kindergärten und Kinderkrippen eingerichtet. So kam ich 1943 in einen Kindergarten mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung.
Es gab aber noch schwere Tage. Wenn deutsche Flugzeuge Moskau angriffen, brachte man uns sofort in den Keller. Auf dem Weg dorthin, quer über den Hof, sahen wir, wie die Scheinwerfer ein deutsches Flugzeug erfassten und die Flugabwehr zu schießen begann. Vor unseren Augen wurde es nicht getroffen, später hieß es jedoch, es sei abgeschossen worden. Uns brachte man vorsichtshalber in den Keller – man wusste ja nie, was ein deutsches Flugzeug noch anrichten konnte. Es flog gerade über unserem Kindergarten.

L. S.: Juschenka (liebevolle Koseform des russischen Vornamens Jurij),
als ich Sie gestern gegen halb fünf anrief, sagten Sie, dass Sie den ganzen Tag über nachgedacht hätten und immer wieder zu einer Erinnerung zurückkehrten: an die Zeit, als Sie nach Moskau gebracht wurden, Ihre Großmutter später nach Moshaisk zurückkehrte und Ihre Mutter Tag und Nacht in der Trechgorka arbeitete. Sie blieben allein zurück. Sie sagten, dieses Gefühl der Einsamkeit, diese endlosen Tage, in denen Sie ganz auf sich selbst gestellt waren, hätten für Sie eine besondere Bedeutung. Vielleicht sollten wir darüber noch sprechen: Was bedeutete diese Einsamkeit für Sie – nach allem, was Sie im Dorf erlebt hatten?

J. D.: Weißt du, gerade diese Tage der Einsamkeit waren ganz erfüllt von den Ereignissen der vorherigen Zeit. Alles kehrte immer wieder zurück – in meinen Gedanken, in meiner Erinnerung. Plötzlich tauchten Begebenheiten wieder auf, die ich schon vergessen glaubte. Ich ging sie immer wieder durch.
Erst später, als 1943 der Kindergarten eröffnet wurde, gab es diese nährende, beglückende Einsamkeit nicht mehr.
Doch in der Zeit davor, als ich allein in diesem Kellerzimmer saß, wärmte sie mich. Ich hatte keine Angst vor ihr. Im Gegenteil – ich freute mich über sie.
Vielleicht, weil die Tage davor immer voller Menschen gewesen waren – ständig waren irgendwelche Leute um mich herum, von den Deutschen bis zu den Verwandten der Großmutter. Damals erschien mir diese Einsamkeit etwas sehr Kostbares. Oder besser gesagt: Sie ging behutsam mit mir um. Ich fürchtete sie nicht. Im Gegenteil – ich hütete sie wie einen Schatz.
Olga Kogan und Jurij Dikow.
Foto aus dem Privatarchiv
Nachwort
Noch nie habe ich die Übersetzung eines fertigen Textes ins Deutsche mit so großer Anspannung begonnen. Dieses Thema ist unheimlich komplex, tief traumatisierend, aber in meinen Augen von eine enorme Bedeutung.
Ich habe die Arbeit an diesem Material im Sommer 2023 begonnen. Es war unser erster Sommer in Deutschland. Im Jahr 2022 waren wir gezwungen, Russland für immer zu verlassen, ohne das Recht auf Rückkehr.
In all diesen Jahren habe ich viel darüber nachgedacht: Wie kann ein Land, das einen solchen Krieg in den Jahren 1941–1945 durchlitten hat, selbst einen so niederträchtigen Krieg gegen die Ukraine entfesseln? Wie ist es möglich, dass all die Narrative, die es in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus gab, sich nun in meinem eigenen Land wiederholen?
Ich habe viele Bücher über den Zweiten Weltkrieg gelesen, und in fast jedem von ihnen gab es dieses erschreckende Wiedererkennen. Ich suchte nach Fotografien, arbeitete mit dem Material, und in meinem Kopf herrschte pures Chaos – wie war es nur möglich, dass alles so furchtbar unwirklich wurde? Ich sitze hier in Deutschland, dem Land, das uns Zuflucht und Unterstützung geschenkt hat, während mein Heimatland zur selben Zeit täglich die Ukraine zerbombt.
Ich weiß nicht, ob ich das Richtige tue, indem ich diese Erinnerungen übersetze, aber ich glaube fest daran, dass es immer wichtig ist, über das Geschehene zu sprechen und niemals zu vergessen.
Es erfüllt mich mit Schmerz, dass sich all dies im 21. Jahrhundert wiederholt – ausgehend von einem Land, das einst selbst einen unermesslich hohen Preis für den Krieg bezahlt hat und daraus offenbar keine Lehren gezogen hat.

Irina Shanaurina

Juri Dikow
Der Ruf der Einsamkeit. Tagebücher
Herausgegeben von: Ljubow Summ, Irina Shanaurina
Transkription und Textbearbeitung: Ljubow Summ, Irina Shanaurina
Deutsche Übersetzung: Irina Shanaurina, erstellt mit Unterstützung von ChatGPT (OpenAI)
Bildredaktion und Layout: Ruslan Sukhushin
Titelbild: pastvu.com