Jurij Dikow
Der Ruf der Einsamkeit
aus Tagebüchern

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Diese Aufzeichnungen schrieb Jurij Pawlowytsch Dikow in wenigen Septembernächten des Jahres 1981 nieder.

Sie waren für ihn von besonderer Bedeutung. Sie erzählen davon, wie er im Alter von dreieinhalb Jahren begann, sich seines eigenen Daseins bewusst zu werden – in jener Stunde, als sein geliebter Onkel sich von seiner Mutter verabschiedete und in den Krieg zog.

Sie erzählen davon, wie das Gefühl des eigenen Seins und der Einsamkeit in ihm während der Neujahrstage des Jahres 1942 Wurzeln schlug, als deutsche Soldaten das Dorf Schebarschino niederbrannten und Alte und Kinder in eine unbekannte Richtung trieben.

Heute, im siebenundachtzigsten Lebensjahr, erzählt er diese Geschichte aus der Erinnerung – mit seiner Stimme, ohne die Welt von heute um sich herum sehen zu können, und doch sieht er durch seine Tränen jene Zeit und jene Menschen von damals.

Es war das erste Jahr seiner Ehe mit Olga Kogan. Deshalb beginnen diese Aufzeichnungen mit einer Anrede an die Frau, an deren Seite er sich selbst noch einmal verstehen wollte – von seinem allerersten Anfang an.

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17.IX.1981 (Nacht)

Olik, mein Sonnenschein!
An den Tagen, die mich von dir fernhalten, wird das unaufhörliche Gespräch mit dir zum wichtigsten Inhalt meines Lebens – ein Gespräch über alles auf der Welt, also über dich und über das, was dir wichtig ist und was du brauchst.

Doch wie hat alles begonnen? Wo liegt meine erste Erinnerung an mich selbst?
Für mich liegt sie jedenfalls nicht in der sichtbaren Welt der Dinge, sondern in jenem Gefühl, mit dem ich zum ersten Mal spürte, dass ich bin – und dass mich gerade dieses Bewusstsein bedrückte.
Ich gehe zurück zu meinen ersten eigenen Erinnerungen, zu denen, die nicht aus den Erzählungen meiner Großmutter oder meiner Mutter über mich stammen. Ich möchte dort verweilen, wo das schmerzliche Erwachen des Selbstbewusstseins am deutlichsten hervortritt.
Dieser Weg ist unsicher und bruchstückhaft. Doch jedes Mal, wenn die Erinnerung konkrete Bilder meiner frühen Kindheit hervorruft, erwacht zugleich immer wieder derselbe Zustand – das Gefühl, das mich als Kind stärker und beständiger begleitete als jedes andere. Kein späteres Empfinden ist mir tiefer oder eindringlicher in Erinnerung geblieben.
Vielleicht lässt es sich am besten so nennen: die ersehnte Traurigkeit der Einsamkeit.



19.IX

So war es. Daran erinnere ich mich mit großer Klarheit, und hier beginnt meine Erinnerung.
Zwei Menschen sitzen schweigend und angespannt an einem Küchentisch, der mir damals riesig erschien. Ich selbst sitze auf dem Boden oder vielleicht auf einem kleinen Schemel – jedenfalls sehe ich beide von unten.
Sie sitzt mit kraftlos auf den Knien ruhenden Händen da. Er trägt einen Seesack auf dem Rücken, über dem der Schirm einer Militärmütze hervorragt.
Hinter ihnen zeigt das Fenster einen vertrauten Sommertag. Doch ich kann ihn nicht erreichen. Zwischen der Straße und mir steht der Schmerz dieser beiden Menschen. Er zwingt mich, still zu werden und mich in mich selbst zurückzuziehen.
Dann steht er auf und sagt:
"Nun, Mutter, es ist Zeit."
Er wirft sich den Seesack über die Schulter, hebt mich hoch, setzt mich auf seine Schulter und trägt mich hinaus auf die Straße. Dabei beginnt er zu singen:
"So bleibt gesund und lebt in Wohlstand.“
Doch in mir zieht eine tiefe Traurigkeit auf. Dieses Lied macht mir Angst. Es erschreckt mich, von oben zu sehen, wie die Frau, die er eben »Mutter« genannt hat, sich an seinen Ärmel klammert.
Und mehr als alles andere wünsche ich mir zurück in jenes Schweigen der Küche, das gerade unwiederbringlich zerbrochen ist.



20.IX

Bei diesem letzten Besuch holte ihn jedoch der Krieg ein. Schon im Juli 1941 galt er als vermisst.

Wahrscheinlich verbrannte er einfach in seinem Panzer.

Während des Krieges und noch viele Jahre danach suchte die Familie nach ihm. Man hoffte, er sei in Gefangenschaft geraten, klammerte sich an jede Nachricht über Heimkehrer, die einst als vermisst gegolten hatten. Doch Wiktor blieb für immer jenseits jeder Gewissheit. Er blieb eine Hoffnung auf ein Wunder, die sich nie erfüllte, eine geliebte Familienlegende – ein guter, selbstloser Mensch, dessen Leben kein Weiter hatte und keine alltäglichen Spuren hinterließ.

Doch das Lied „So bleibt gesund und lebt in Wohlstand“ schmerzt mich bis heute.

Sein Klang, den ich damals zum ersten Mal auf den Schultern meines Onkels hörte, geht in meiner Erinnerung einer anderen Melodie voraus und verbindet sich mit ihr – einer Melodie, die mir ebenfalls bis ans Ende meines Lebens keine Ruhe lassen wird. Vielleicht wird diese Unruhe erst mit dem Verschwinden unserer ganzen Generation vergehen:

„Steh auf, gewaltiges Land!“
(erste Zeile des sowjetischen Kriegsliedes „Der heilige Krieg“)

Dieses Lied hörte ich bereits im Moskau des Jahres 1942 – in einem späten Winter voller Schneestürme. Licht gab es für mich damals nur noch aus einer kleinen Petroleumlampe: einem Glasfläschchen mit Kerosin, in das ein Docht hinabhing, dessen oberes Ende von einer Metallhülse gehalten wurde.

In dieses Moskau kehrten wir nach der Besatzungszeit zu viert zurück – meine Großmutter, meine Mutter, meine Schwester und ich. Unser Haus war inzwischen von den Deutschen Soldaten niedergebrannt worden.
Мама.
Ирина Федоровна Дикова.
Фото: личный архив
Но до этого возвращения память бережёт еще два эпизода. Странно, что после почти осмысленно запомнившегося мне ухода дяди Вити на фронт, было столько всяких событий, страшных, неожиданных, огромных, а я их помню только мгновенно и произвольно высвеченными деталями не бог весть какой важности: листовки, сыплющиеся из немецкого самолета, но поразил меня не самолет, а ошеломляющая синева, как я сейчас понимаю, сентябрьского неба, потому что мне было тепло, а глаза, оторвавшись от неба, видят другую краску - всё еще зеленый спуск к реке, упрятанной в порыжевший ольшаник; помню шинели, плывущие по реке, над которой стоял наш дом, и слова за моей спиной: «С Ёрдышки, там их накрыло», а это, оказывается, Искона несла убитых красноармейцев, которых дальнобойная немецкая артиллерия настигла в нарядном и веселом лесу, называемом почему-то Ёрдышкой (слово это до сих пор для меня таинственно, но тайну разгадывать не хочется). А вслед за этим помнится очень меня оскорбившее сидение с бабкой и сестрой на задах нашего участка («плана», как его называла бабка), а в доме раскорячиваются пьяные немцы. И вогнавшая меня в истерику расправа над моим любимцем – огромным и добродушно-наглым красавцем-петухом, особо ценимым мной за красный отлив в рыжих перьях: его из автоматов подстрелили немцы, только что вошедшие в деревню.

Но дальше, внятно, протяженно и вновь с нестерпимым желанием замереть в одиночестве встает из памяти все тот же кухонный стол, за которым прощалась моя бабушка со своим сыном. Но теперь за этим столом сижу я сам, а сбоку от меня немецкий офицер, нет, не чужой и не пугающий, к многолюдью я притерпелся, и острота утраты ощущения собственного дома уже ушла – в горнице была устроена офицерская столовая австрийской летной части, а нас выселили за печь на кухню – но очень томителен и чересчур некстати запах аниса от конфеты, которой меня угостил этот офицер (что это был анис – тоже понял много позже, в Москве, распробовав знакомый вкус). Угостил и погладил по голове, под его рукой кожа на голове благодарно съежилась в предслёзной истоме, но снова мир распался на три части: тёмная глубина кухни, еще более помрачневшая от доедающей заоконный зимний свет темноты офицерского мундира, серая столешница под моим подбородком и понурая белизна сугробов, видных мне в окне, когда я скосил заплывающие слезами от ощущение малости и потерянности своей глаза.