L. S.: „Wo uns auf dem Weg vom Zug nach Hause der Fliegeralarm überraschte. Scheinwerfer, kurze Sprints über das Kopfsteinpflaster, schräg hinüber zum Luftschutzbunker. Asseln, die in unserem Kellerzimmer hinter den feuchten Abwasserrohren hervorkrochen – widerwärtig zwar, doch wegen der Trägheit ihrer Bahnen keinen atemberaubenden Ekel verdienend; die Petroleumlampe auf dem Boden, die Angst vor verschüttetem Petroleum und wie ich vor der Unausweichlichkeit der Strafe allmählich ganz schwach wurde. Scharlach. Das schreckliche Wort "Isolierstation" im Kinderkrankenhaus. Die Erschöpfung nach tagelangem Kartenspiel "Akulina«" (einem russischen Kartenspiel für Kinder, ähnlich dem deutschen ‚Schwarzen Peter") mit dem Nachbarsmädchen. Der Husten ihres Vaters, von dem ich damals erfuhr, dass er Tee geraucht hatte, um nicht an die Front zu müssen und einen längst verheilten Lungenprozess wieder aufbrechen zu lassen".
Das ist sehr eindrucksvoll geschrieben. Ihre Ankunft in Moskau, der Bahnhof und vor allem diese Einsamkeit, als Sie allein in Ihrem Zimmer in der Samorenowa-Straße zurückblieben – wenn Sie das erzählen, wäre das ein sehr guter Abschluss der ganzen Geschichte. Wie war dieses Leben in jenem Zimmer? Dieser Kriegswinter – wie haben Sie ihn erlebt?
J. D.: Es war ein düsteres Leben. Das Schlimmste war der Petroleumkocher. Meine Schwester weinte, weil sie Hunger hatte, und ich wollte das Essen aufwärmen. Dabei kippte der Kocher um. Das war schrecklich! Ich wischte das verschüttete Petroleum vom Boden auf und weinte.
L. S.: Warum war das so schlimm? Wegen des Feuers? Oder weil das Petroleum damals so kostbar war?
J. D.: Weil ich es verschüttet hatte. Der schwere Geruch des Petroleums hing im ganzen Zimmer. Und es bestand die Gefahr, dass alles Feuer fing, wenn jemand ein Streichholz anzündete.
L. S.: Das haben Sie damals schon verstanden? Mit dreieinhalb Jahren?
J. D.: Ja. Ich wusste, dass Petroleum brennen konnte. Ich hatte ja den Brand erlebt, den die deutschen Soldaten im Dorf gelegt hatten. Das Feuer verfolgte mich.
L. S.: Das verschüttete Petroleum … Und später kam Ihre Schwester in die Kinderkrippe und Sie blieben ganz allein in diesem Zimmer?
J. D.: Ja. Später wurde allerdings ein Kindergarten eröffnet, der Tag und Nacht geöffnet war, und meine Mutter brachte mich dorthin. Aber das ganze Jahr 1942 habe ich in diesem Keller verbracht.
L. S.: Erzählen Sie doch: Wie haben Sie diese Zeit erlebt? Woran haben Sie damals gedacht?
J. D.: Zunächst war meine Großmutter noch bei mir. Als dann der Kindergarten eröffnet wurde, kehrte sie ins Dorf zurück und grub sich dort eine Erdhütte. Ich kam in den Kindergarten und erst 1944, nach dieser Zeit dort, wieder nach Hause.
L. S.: Das heißt, der Kindergarten war nicht nur Tag und Nacht geöffnet, sondern auch ohne freie Tage?
J. D.: Ja, ohne freie Tage.
L. S.: Also praktisch wie ein Internat.
J. D.: Ja. Er gehörte zur Trechgorka (umgangssprachliche Bezeichnung der „Trechgornaja Manufaktura“, einer der ältesten und größten Textilfabriken Moskaus). Die Direktorin dieser Fabrik war eine bekannte Frau; später wurde sie Mitglied des Zentralkomitees. Sie kümmerte sich sehr um die Kinder der Fabrikarbeiter. Deshalb wurden dort Kindergärten und Kinderkrippen eingerichtet. So kam ich 1943 in einen Kindergarten mit Rund-um-die-Uhr-Betreuung.
Es gab aber noch schwere Tage. Wenn deutsche Flugzeuge Moskau angriffen, brachte man uns sofort in den Keller. Auf dem Weg dorthin, quer über den Hof, sahen wir, wie die Scheinwerfer ein deutsches Flugzeug erfassten und die Flugabwehr zu schießen begann. Vor unseren Augen wurde es nicht getroffen, später hieß es jedoch, es sei abgeschossen worden. Uns brachte man vorsichtshalber in den Keller – man wusste ja nie, was ein deutsches Flugzeug noch anrichten konnte. Es flog gerade über unserem Kindergarten.
L. S.: Juschenka (liebevolle Koseform des russischen Vornamens Jurij),
als ich Sie gestern gegen halb fünf anrief, sagten Sie, dass Sie den ganzen Tag über nachgedacht hätten und immer wieder zu einer Erinnerung zurückkehrten: an die Zeit, als Sie nach Moskau gebracht wurden, Ihre Großmutter später nach Moshaisk zurückkehrte und Ihre Mutter Tag und Nacht in der Trechgorka arbeitete. Sie blieben allein zurück. Sie sagten, dieses Gefühl der Einsamkeit, diese endlosen Tage, in denen Sie ganz auf sich selbst gestellt waren, hätten für Sie eine besondere Bedeutung. Vielleicht sollten wir darüber noch sprechen: Was bedeutete diese Einsamkeit für Sie – nach allem, was Sie im Dorf erlebt hatten?
J. D.: Weißt du, gerade diese Tage der Einsamkeit waren ganz erfüllt von den Ereignissen der vorherigen Zeit. Alles kehrte immer wieder zurück – in meinen Gedanken, in meiner Erinnerung. Plötzlich tauchten Begebenheiten wieder auf, die ich schon vergessen glaubte. Ich ging sie immer wieder durch.
Erst später, als 1943 der Kindergarten eröffnet wurde, gab es diese nährende, beglückende Einsamkeit nicht mehr.
Doch in der Zeit davor, als ich allein in diesem Kellerzimmer saß, wärmte sie mich. Ich hatte keine Angst vor ihr. Im Gegenteil – ich freute mich über sie.
Vielleicht, weil die Tage davor immer voller Menschen gewesen waren – ständig waren irgendwelche Leute um mich herum, von den Deutschen bis zu den Verwandten der Großmutter. Damals erschien mir diese Einsamkeit etwas sehr Kostbares. Oder besser gesagt: Sie ging behutsam mit mir um. Ich fürchtete sie nicht. Im Gegenteil – ich hütete sie wie einen Schatz.