2. Juli.
Es ist zurzeit wirklich ein sehr seltsames Gefühl – alles um dich herum bricht zusammen, und du kannst die Realität des Geschehens immer noch nicht fassen, weil es ein einziger Wahnsinn ist.
Und währenddessen nimmt das Leben irgendeinen eigenartigen Lauf – ich kann zum Beispiel absolut nicht mit meinen Moskauer Freunden sprechen, wenn sie mich anrufen. Nicht aus irgendeinem bestimmten Grund, sondern weil mir einfach die Kraft dazu fehlt. Ich mache mir Sorgen, schimpfe mit mir selbst – und kann es trotzdem nicht. Von den Moskauern rufe ich nur Olenka an, da gibt es gar keine Debatte.
Jeden Tag denke ich mir, dass ich alles aufschreiben müsste, all meine Gefühle und Erlebnisse, und sei es noch so kurz, einfach nur, um es selbst nicht zu vergessen, aber es gelingt mir nicht.
Jetzt denke ich – wie seltsam es ist, dass vor dem Fenster das ganz normale Moskauer Sommerleben stattfindet (und ein mir schon so lange fremdes). Ganz normal für unser Haus – die Autowaschanlage lärmt, die Müllabfuhr ist am Laden vorgefahren, die Vögel zwitschern, seit dem frühen Morgen streiten sich die Alkoholiker aus unserem Hof – sie haben mal wieder irgendwas nicht teilen können, unaufhörlich schlagen die Türen der Nachbarn zu. Es riecht nach gefüllten Paprikaschoten.
Meine Mutter hat 25 Gläser Marmelade gekocht, uns hat sie 4 abgegeben, aber wer die essen soll – das ist die Frage.
Und das alles wirkt in Wahrheit so surreal und eigenartig – denn dieses ganz normale Leben darf es doch jetzt eigentlich gar nicht geben, aber es ist da, und du drehst dich selbst mittendrin oder erstarrst, aber du lebst. Danke, dass wenigstens die Freude am Lesen wieder bei mir ist, und ich lese gerade sehr viele Tagebucheinträge (neben denen, mit denen ich beruflich arbeite), und aus irgendeinem Grund wirkt jenes Leben realer als dieses hier. In letzter Zeit schaue ich mir oft alte Fotos von Kiew an, und es ist, als ob ich durch diese Orte und Gässchen streife.
Und noch etwas – ich bin sehr traurig darüber, dass ich seit zwei Monaten an einem Projekt nicht weiterkomme, und das belastet mich sehr, obwohl man meinen könnte – als ob das jetzt überhaupt für jemanden von Bedeutung wäre. Aber mir ist es aus irgendeinem Grund unglaublich wichtig, und ich schaffe es einfach nicht.
Und noch etwas. Ich umarme euch alle und liebe euch, meine lieben Freunde.