2022
Teil zwei.
Bachmut, zerstört von Russland. Foto: © Émilien Urbano
Der zweite Teil „Tagebuch während des Krieges“ für 2022. Link zum ersten Teil: www.storiesabout.ru/tagebuch_2022_1

2. Juli.
Es ist zurzeit wirklich ein sehr seltsames Gefühl – alles um dich herum bricht zusammen, und du kannst die Realität des Geschehens immer noch nicht fassen, weil es ein einziger Wahnsinn ist.
Und währenddessen nimmt das Leben irgendeinen eigenartigen Lauf – ich kann zum Beispiel absolut nicht mit meinen Moskauer Freunden sprechen, wenn sie mich anrufen. Nicht aus irgendeinem bestimmten Grund, sondern weil mir einfach die Kraft dazu fehlt. Ich mache mir Sorgen, schimpfe mit mir selbst – und kann es trotzdem nicht. Von den Moskauern rufe ich nur Olenka an, da gibt es gar keine Debatte.

Jeden Tag denke ich mir, dass ich alles aufschreiben müsste, all meine Gefühle und Erlebnisse, und sei es noch so kurz, einfach nur, um es selbst nicht zu vergessen, aber es gelingt mir nicht.
Jetzt denke ich – wie seltsam es ist, dass vor dem Fenster das ganz normale Moskauer Sommerleben stattfindet (und ein mir schon so lange fremdes). Ganz normal für unser Haus – die Autowaschanlage lärmt, die Müllabfuhr ist am Laden vorgefahren, die Vögel zwitschern, seit dem frühen Morgen streiten sich die Alkoholiker aus unserem Hof – sie haben mal wieder irgendwas nicht teilen können, unaufhörlich schlagen die Türen der Nachbarn zu. Es riecht nach gefüllten Paprikaschoten.
Meine Mutter hat 25 Gläser Marmelade gekocht, uns hat sie 4 abgegeben, aber wer die essen soll – das ist die Frage.

Und das alles wirkt in Wahrheit so surreal und eigenartig – denn dieses ganz normale Leben darf es doch jetzt eigentlich gar nicht geben, aber es ist da, und du drehst dich selbst mittendrin oder erstarrst, aber du lebst. Danke, dass wenigstens die Freude am Lesen wieder bei mir ist, und ich lese gerade sehr viele Tagebucheinträge (neben denen, mit denen ich beruflich arbeite), und aus irgendeinem Grund wirkt jenes Leben realer als dieses hier. In letzter Zeit schaue ich mir oft alte Fotos von Kiew an, und es ist, als ob ich durch diese Orte und Gässchen streife.

Und noch etwas – ich bin sehr traurig darüber, dass ich seit zwei Monaten an einem Projekt nicht weiterkomme, und das belastet mich sehr, obwohl man meinen könnte – als ob das jetzt überhaupt für jemanden von Bedeutung wäre. Aber mir ist es aus irgendeinem Grund unglaublich wichtig, und ich schaffe es einfach nicht.

Und noch etwas. Ich umarme euch alle und liebe euch, meine lieben Freunde.
5. Juli
Wie seltsam es auch sein mag, aber die Tage nehmen ihren Lauf. Es finden sich immer irgendwelche Dinge, die man aus Trägheit tut, aber aus irgendeinem Grund möchte ich die ganze Zeit nur schlafen.
Es ist erstaunlich, wie sich die Wahrnehmung von allem verändert. Gestern Abend beschlossen wir, Nick Cave zu hören, schalteten YouTube ein und unterhielten uns, wobei wir nur ab und zu auf den Bildschirm blickten. Und plötzlich – auf dem ganzen Bildschirm der Buchstabe V[1] (in dem Lied „Loverman“ kommen alle Buchstaben nacheinander, aber wir blieben mit dem Blick ausgerechnet am V hängen), und die erste Reaktion war: Pfui, was soll das denn schon wieder. Das löst auf einer unterbewussten Ebene bereits eine totale Ablehnung aus.
Gestern habe ich eine Sauerampfersuppe gekocht und Tschachochbili[2] gemacht (ich bin ja ohnehin an ganz normalen Tagen irgendwie sehr stolz darauf, dass meine Urgroßmutter Georgierin war, aber wenn ich georgisch koche, bin ich doppelt stolz).

Am Sonntag fing tagsüber plötzlich jemand an, monoton zu klopfen. Es wurde auch an anderen Tagen geklopft, manchmal sogar spät abends und in der Nacht, aber doch nicht am Sonntag! Ru empörte sich und sagte: „Ich gehe mal zu den Nachbarn rüber, was soll der Blödsinn“ (bei uns oben wird renoviert). Er ging und blieb verschwunden. Ich mag so was überhaupt nicht – in diesen Zeiten ist es ohnehin so unruhig, und die Leute sind wild geworden.
Er kommt zurück und sagt: „Kennst du diese seltsame Frau aus unserem Treppenhaus? Stell dir vor, zwischen dem zwölften und elften Stock (und wir wohnen im sechsten) schlägt irgendeine vage bekannte Frau mit einem kleinen Beil die Farbe im Treppenhaus ab. Er sagte zu ihr: „Guten Tag. Ist Ihnen bewusst, dass man am Sonntag keine lärmenden Arbeiten durchführen darf?“
Sie antwortet: „Da kommt er angerannt, der verfluchte Intellektuelle. Und was hast du für das Treppenhaus getan?“
Sie kümmere sich angeblich um das Treppenhaus, und ihre Arbeit sei nicht laut und so weiter. So traurig es auch ist, aber geholfen hat erst das Wort „Polizei“. Aber trotzdem ist zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten immer mal wieder ein Klopfen zu hören. Kurzum, es macht einen nervös. Jetzt stelle ich mir lebhaft vor, wie diese seltsame Frau (ich konnte nicht herausfinden, wer sie ist) abends und nachts mit einem kleinen Beil aus der Wohnung kommt und die Farbe von den Wänden schlägt.

Gestern sagte ich zu Ruslan, dass mir erst jetzt klar geworden ist: Als Wlad und Anja (Freunde unserer Kinder) uns besuchten, unterhielten wir uns und erzählten einander von unseren Eltern – und das war so seltsam, als wären wir Gleichaltrige. Das heißt, wir waren so: Im Gespräch hat einfach jeder über die Probleme mit seinen eigenen Eltern gesprochen.

Neulich nachts stand ich lange am Fenster und schaute auf die Straße. Und das war seltsam und ein bisschen unheimlich. Als ob die Zeit einfröre und man nur manchmal aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahrnähme – eine Katze lief vorbei, ein Ast wiegte sich, der Widerschein von Autoscheinwerfern auf den Fensterscheiben des gegenüberliegenden Gebäudes, das Glimmen einer Zigarette in der Ferne. Und plötzlich – Stille. Eine Seltenheit für die Stadt.

Es ist so seltsam, dass das Leben einfach immer weitergeht.
Morgen ist es vier Monate her, dass wir die Kinder nicht gesehen haben.
Am 9. – fünf Monate ohne unsere Katze Maschenka.
Und vor 132 Tagen ist die Welt eingestürzt.

[1] Loverman (Nick Cave) – Ein Song der australischen Rockband Nick Cave and the Bad Seeds aus dem Jahr 1994. Im Musikvideo oder während der Performance werden die Buchstaben des Wortes L-O-V-E-R-M-A-N visuell hervorgehoben. Der Buchstabe V (zusammen mit dem Z) wurde im Jahr 2022 von der russischen Propaganda als offizielles Symbol für die Invasion in der Ukraine instrumentalisiert, was bei Kriegsgegnern in Russland heftige Abwehrreaktionen auslöste.
[2]Ein traditionelles georgisches Nationalgericht. Es handelt sich um einen herzhaften Eintopf aus geschmortem Geflügel (meist Hühnchen) mit Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und frischen Kräutern.

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7. Juli
Übrigens wollte ich sagen, dass mich dieses „gute Russen/schlechte Russen“ langsam anwidert. Im Grunde kann man Ru und mich ohnehin kaum als Russen bezeichnen – es hat sich einfach so ergeben, dass wir hier leben. Aber das ist auch unwichtig. Denn das Wichtigste ist das, was mir unsere ukrainische Freundin Ljubotschka geschrieben hat: Menschlichkeit ist die schönste Nation.Ich stimme zu. Und ich möchte genau dieser Nation angehören.

Wenig später:
Ehrlich gesagt denke ich mit Schrecken daran, dass diese meine Archivarbeit bald zu Ende sein wird – und was kommt danach? Aber währenddessen möchte ich euch etwas sagen.
Gestern habe ich alte Fotos der Familie Rabinowitsch[3] ortiert (Kramow und Wolynski sind Pseudonyme). Mutter, Vater, die kleinen Brüder Isja und Ljolja. Die Mutter und der Vater kamen in Babyn Jar[4] ums Leben. Ich digitalisierte ihre Fotos und begriff plötzlich, dass ich weinte... Ich habe noch nie Fotos von Menschen bearbeitet, die einen so schrecklichen Tod gestorben sind. Also von Menschen, die mir inzwischen so nahestehen. Versteht mich nicht falsch, ich will mich da nicht aufdrängen, aber nach fast einem Jahr mit dem Archiv sind diese Menschen nun natürlich auch zu einem Teil meines Lebens geworden.
Heute habe ich ein Foto des Hauses gefunden, in dem Ljolja – Leonid Wolynski – bis 1967 in Kiew lebte. In diesem Haus waren also viele von denen, über die ich in Kramows Tagebüchern lese, mit denen ich arbeite. Wie oft sind wir durch Kiew geschlendert, vielleicht sind wir auch an diesem Haus vorbeigegangen. Und jetzt gibt es nicht einmal mehr die Hoffnung, dort wieder spazieren zu gehen.

Ich weiß nicht, ich vermag all diese Gefühle nicht zu beschreiben. Verzeiht mir, ich spreche zu viel darüber. Aber irgendwie macht genau das im Moment den größten Teil meines Lebens aus. Olenka sagt:
„Maruschenka, und bleibt dir denn noch Kraft für dein eigenes Leben?“
„Natürlich, Olenka!“, sage ich.
Aber ich lüge. Nein, Olenka, fast keine. Aber wenn es dieses Leben nicht gäbe, dann wüsste ich gar nicht, wie ich das jetzt alles durchstehen sollte.

Sofja (Schifra) Isaakowna Kandelis (1892–1941) – die Mutter von Isaak Kramow und Leonid Wolynski (die Brüder Rabinowitsch).
Kiew, Schota-Rustaweli-Straße 23. Ljoljas Haus.
Foto aus der Mitte der 1930er Jahre. Damals hieß sie Borochow-Straße.
Quelle: pastvu.com

[3] Leonid Wolynski und Isaak Kramow – Leonid Wolynski (eigentlich Leonid Rabinowitsch, 1912–1969) war ein bekannter sowjetischer Schriftsteller und Kunsthistoriker ukrainisch-jüdischer Herkunft, der in Kiew geboren wurde und dort lebte. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Rolle bei der Rettung der Gemälde der Dresdener Gemäldegalerie am Ende des Zweiten Weltkriegs. Kramow (eigentlich Isaak Rabinowitsch, 1919–1979) war sein jüngerer Bruder, ein bekannter sowjetischer Literaturkritiker. Die Autorin arbeitet mit den persönlichen Archiven und Tagebüchern von Isaak Kramow (Rabinowitsch).
[4] Babyn Jar – Eine Schlucht in Kiew, die im September 1941 zum Ort eines der schrecklichsten Massaker des Zweiten Weltkriegs wurde. Unter der deutschen Besatzung ermordeten Einheiten der Wehrmacht und der SS innerhalb weniger Tage über 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Insgesamt wurden während der Zeit der Besatzung dort mehr als 100.000 Menschen ermordet.
Jemand will und kann nicht mehr leben, jemand will leben, kann es aber nicht, und du bist irgendwo mittendrin und gleichzeitig wie im Nirgendwo, und dabei völlig hilflos
12. Juli
Gestern musste ich aus irgendeinem Grund so unheimlich klar daran denken, wie ich vor etwa zwölf Jahren von der Arbeit nach Hause fuhr. Es war ein ganz normaler, heißer Sommertag, von der Sorte, die ich überhaupt nicht mag. Ich trat aus dem Büro wie in Kirschmarmelade hinaus – so heiß war es, augenblicklich klebrig und ohne Luft zum Atmen. Und als ich gut eine Stunde später an meiner Metrostation ankam, wurde es plötzlich schlagartig kalt. Der Himmel bezog sich mit schweren, schwarzen Wolken, der Wind wirbelte den Staub vom Asphalt auf, Blitze zuckten durch den düsteren Himmel, und ich dachte mir: Hoffentlich schaffe ich es noch nach Hause (ich musste noch den Bus nehmen). Meine Familie waren alle auf der Datscha, und ich schaffte es vor dem Regen sogar noch, schnell in den Laden zu springen, um Süßkirschen und Eis zu kaufen. Genau in der Minute, als ein Wolkenbruch auf die Erde niederging, rettete ich mich unter das Vordach des Hauseingangs.
In der Wohnung war es dunkel und stickig – alle Fenster waren geschlossen. Ich riss die Balkontür auf, legte die Süßkirschen in eine Schale, knipste eine kleine Lampe an und fing an, „Es“ von Stephen King zu lesen. Es war herrlich. Damals konnte man sich noch vor allerlei Dummheiten fürchten. Ich habe mich an all das so deutlich erinnert, als wäre es gestern gewesen und nicht vor gefühlten hundert Jahren.

Wenig später: Was für ein surreales paralleles Leben – über uns liebt sich die ganze Zeit jemand sehr aktiv, ständig hört man mal Lachen, mal Stöhnen, mal Klopfen, mal alles auf einmal. Jemand will und kann nicht mehr leben, jemand will leben, kann es aber nicht, und du bist irgendwo mittendrin und gleichzeitig wie im Nirgendwo, und dabei völlig hilflos. Und ehrlich gesagt ist es absolut unbegreiflich, wie man in dieser unbegreiflichen, verdammten Welt überhaupt existieren soll. Aber irgendwie muss man es.

13. Juli
Ich beneide aufrichtig diejenigen, die ihren Glauben an Gott bewahrt haben.Ich glaube wahrscheinlich nicht mehr. Weil ich das alles einfach nicht begreifen, nicht fassen, nicht in meinem Kopf unterbringen und denken kann, dass all das Gottes Wille sei.

14. Juli
Ein zufällig gefundenes Gemälde. Meiner Meinung nach absolut wunderschön. Schon allein deshalb, weil es meinen inneren Zustand in letzter Zeit haargenau widerspiegelt. Was sage ich da – schon seit langer Zeit. Katja Lang[5] . Der Wald

[5] Katja Lang ist eine zeitgenössische deutsche Künstlerin, bekannt für ihre atmosphärischen, oft minimalistischen Grafiken, Holzschnitte und Landschaftsdarstellungen. Ihr Werk „Der Wald“ evoziert durch das dichte Geflecht von Bäumen ein Gefühl der Verlorenheit, der Isolation und des existenziellen Stillstands.
15. Juli
Es gibt kaum etwas, woran ich mich festhalten könnte. Alles wirkt absolut überflüssig. Ich befinde mich gerade wie zwischen zwei Polen – einer riesigen Liebe und einer unglaublichen Wut. Ich weiß nicht, ob diese meine Liebe gerade überhaupt jemand braucht – aber wahrscheinlich brauche ich sie selbst, damit die Wut und der Hass mich nicht vollends verschlingen.
Gestern habe ich in einem Beitrag bei einem Freund gelesen: Tränen und Wut. Und ich dachte, wie haargenau das alles jetzt widerspiegelt.

Ich schaue mir den Feed hier und auf Instagram an und begreife, dass sich die Welt für mich ganz sicher getrennt hat. Wie schon so oft, aber dieses Mal ist es am furchterregendsten. Ich verstehe diejenigen, die versuchen, ein ganz normales Leben zu führen, und all das, was täglich passiert, absichtlich nicht an sich heranlassen. Oder besser gesagt, ich versuche es zu verstehen, und gleichzeitig wäre es unaufrichtig, nicht zu schreiben, dass ich ebenfalls versuche, irgendwie zu funktionieren, in irgendetwas Trost und – so absurd es auch klingen mag – manchmal sogar Freude zu finden. Aber ich kann das nicht abtrennen, nicht darüber nachdenken, es nicht fühlen und vor allem – nicht darüber sprechen.
Es wird immer schwieriger, Freunden zu schreiben, weil diese Fragen wie „Wie geht es dir?“ immer banaler und unpassender wirken.

16. Juli
Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass das Schreiben hierher zumindest eine Art Ventil ist, wie ein Appell: Wir sind hier und wir existieren.Und manchmal erscheint es wichtig, alltägliche Dinge aufzuschreiben, damit sie im Gedächtnis bleiben.Zurzeit habe ich oft Träume, die wirklich surreal sind. Früher passierte so etwas selten, jetzt lebe ich im Traum jedes Mal ein anderes Leben, das sich von diesem hier völlig unterscheidet.
Heute schauten Freunde für 20 Minuten vorbei, und das war plötzlich so voller Freude und wunderschön. Ich hatte schon ganz vergessen, dass es so etwas gibt – Umarmungen, Gespräche.
Morgen fahren wir in die Wohnung der Kinder, um Wände zu streichen. Ich bin schrecklich träge, oder nicht mal träge – es fehlen einfach die Ressourcen, aber man muss, man muss, da kann man nichts machen. Und das wirkt im Angesicht von allem ebenfalls seltsam und falsch: Es gibt ein Haus, und in ihm gibt es Wände, die gestrichen werden müssen. Obwohl es genau so eigentlich immer und überall sein sollte – ein Haus, eine Wand, ein Dach über dem Kopf.
Seit Tagen wache ich schon damit auf, dass mir der Refrain eines Liedes im Kopf herumgeht. Nun, ich weiß gar nicht, wie ich darüber schreiben soll, aber wie es nun mal ist, so schreibe ich es auf. Der Refrain lautet: Mögen sie sterben. Wer „sie“ sind, ist völlig klar, und wisst ihr, ich wache nicht gerne mit diesen Worten im Kopf auf, aber ja, es ist so.
Ich schäme mich schrecklich, dass Mitja die Website[6] bezahlt hat, auf die ich die von mir eingelesenen Bücher hochgeladen habe, und ich jetzt überhaupt nicht mehr laut vorlesen kann. Aber gestern saßen Ru und ich da, schauten uns die Statistiken an und sahen, dass in Winnyzja[7] jemand zugehört hat und in Dnipro, und mir fiel das Herz. Ich muss weiterlesen.
Gestern habe ich meinen drei Freundinnen geschrieben und musste danach vor lauter Liebe weinen, als ich ihre Antworten las. Danke euch, meine Lieben.

[6] Die Hörbuch-Seite der Autorin – Während der COVID-19-Pandemie startete die Autorin ein persönliches Projekt auf der Plattform HearThis, um Menschen in der Isolation zu unterstützen: Sie las und nahm verschiedene literarische Werke mit ihrer Stimme auf. Obwohl schon lange keine neuen Aufnahmen mehr hinzugefügt wurden, werden diese Bücher bis heute täglich von Menschen angehört. Dass diese Stimme in den ukrainischen Städten Winnyzja und Dnipro inmitten des Krieges gehört wurde, war für die Autorin von zutiefst emotionaler Bedeutung. Bis jetzt hat sie jedoch nicht die Kraft gefunden, das Projekt fortzusetzen.
[7] Vinnytsja und Dnipro – Große ukrainische Städte, die seit Beginn der umfassenden russischen Invasion im Jahr 2022 regelmäßig Ziel schwerer russischer Raketenangriffe und Drohnenattacken wurden, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet und die zivile Infrastruktur zerstört wurden.

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17. Juli
Von Zeit zu Zeit überkommt mich Panik, und ich fange krampfhaft an zu denken, dass zumindest Ru Russland verlassen müsste, und erst danach vielleicht ich. Aber wie wir auch verschiedene Optionen im Kopf durchgehen, wie wir auch nachdenken – es läuft darauf hinaus, dass es absolut keine Chancen gibt. Und wenn man bedenkt, wie viele erzwungene Flüchtlinge und Vertriebene es jetzt gibt, schämt man sich erst recht dafür.
Aber ich habe wirklich manchmal panische Angst, es nicht mehr zu schaffen, auf den letzten Zug aufzuspringen.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass das alles tatsächlich passiert.

20. Juli
Update.
Eigentlich habe ich das gepostet und dachte mir: Nun, warum habe ich das bloß alles geschrieben, wo das doch alles Unsinn ist. Aber ich lasse es trotzdem stehen. Weil es sich so ergibt, dass inmitten von Grauen, Schmerz und Tränen, inmitten dieses Leids auf irgendeine seltsame Weise auch dein eigenes Leben weiterläuft.
Normalerweise ist es bei mir umgekehrt – ich will gar nichts tun. Aber jetzt – ich will unbedingt: wieder laut Bücher vorlesen, Landingpages erstellen (Ideen habe ich massenhaft), ukrainische Muster sticken (zwei unvollendete Arbeiten liegen immer noch da), meine Patchwork-Decke fertigstricken, und schließlich Marmelade kochen.
Aber ich kann fast nichts davon. Ich will, aber ich kann nicht. Ich kann mich nur dazu zwingen, die alltäglichen Dinge zu erledigen. Das ist alles.
Ljuba hat neue Hefte von Kramow mitgebracht, und ich habe sie mit vor Ungeduld zitternden Händen geöffnet und gesehen, dass es darin um Grigori Berjoskin[8] geht. Ich habe mich so gefreut, denn diese Geschichte, die mir Olenka[9] einst erzählt hatte, hat mich damals zutiefst berührt. Darüber, wie Grischa Berjoskin Isja von sich erzählte und sagte:
„Lass mein Leben nicht verloren gehen.“
Und ich hatte schon viele Hefte durchgesehen, auch die aus dem letzten Lebensjahr, und nirgends stand etwas über Berjoskin, sodass ich schon traurig wurde, und hier plötzlich – gibt es sie doch, diese Einträge. Ich schlug es auf und sah sofort diesen Dialog, den Kramow selbst aufgeschrieben hatte, und seine Antwort: „Ich lasse es nicht verloren gehen.“
Und jetzt müsste ich diese Aufzeichnungen eigentlich durcharbeiten und somit das Leben ebenfalls nicht verloren gehen lassen, aber ich öffne das Heft, schaue hinein, und aus irgendeinem Grund erscheint mir Kramows Handschrift plötzlich so unleserlich und kompliziert, dass ich das Heft wieder schließe und einfach nur vor dem Computer sitze, und das war's.
Ich bin am Montag zu Olenka gefahren, wir haben ihr die ersten fünf Hefte zum Lesen hochgeladen.
„Maruschenka[10], danke Ihnen, dass Sie sich damit beschäftigen, niemand außer Ihnen hätte das getan.“
Und ich sitze da wie ein Idiot und denke: Wenn ich doch nur die Kraft finden würde, das alles bis zum Ende durchzuziehen.

Andererseits hätte es vielleicht wirklich niemand getan – wie mich all meine Lieben und Freunde lehren: Lerne, dich selbst zu schätzen und das zu schätzen, was du tust. Nun, ich versuche, es zu lernen.

Gestern habe ich in einem regelrechten Rausch fast die ganze Küche und fast den ganzen Flur in der Wohnung der Kinder gestrichen. Es stellte sich heraus, dass wir irgendwelche beschissenen Farbwalzen und zu wenig Farbe gekauft hatten, und man muss neue bestellen, und das alles nervt und belastet mich.
Ich überlege, dass es schön wäre, so etwas wie einen Flohmarkt zu veranstalten, weil nach der Abreise der Kinder nach Istanbul fast all ihre Sachen zurückgeblieben sind – Kleidung, Geschirr, Kosmetik usw., da sie ja fast ohne alles weggegangen sind. Aber ich weiß einfach nicht, wie man das anstellen soll.
Es heißt, am Wochenende kommt wieder die Hitze, und das ist beschissen, wenn man bedenkt, dass wir renovieren. Dabei hatte ich schon gehofft, es ginge langsam auf den Herbst zu.
Ich weiß nicht, warum ich das alles aufschreibe, aber wir haben die Tagebucheinträge mit Olenka besprochen, und ich sagte: Wahrscheinlich ist Facebook für mich eine Art Tagebuch, und Olenka sagt:
„Schreiben Sie, Maruschenka, denn es ist unmöglich, sich an alles zu erinnern und alles im Kopf zu behalten, und später ist es manchmal interessant, das zu lesen.“

Aus irgendeinem Grund habe ich plötzlich ganz von selbst irgendwelche karpatischen Gerichte gekocht – eine Pilzsuppe (Juschka) und Frikadellen mit Pilzsauce. Nun, ich bin mir nicht sicher, ob es mir ganz richtig gelungen ist, aber irgendwie intuitiv kam es dem Ganzen ziemlich nah, und ich musste daran denken, wie Ruslan, die Ljubas und ich in Jablunyza[11] Pilze gesammelt haben, und daran, wie wir die Juschka in einem kleinen Lwiwer Café gegessen haben, und daran, wie Ljubotschka uns mit kleinen Kohlrouladen (Golubzi) mit Pilzsauce bewirtet hat.
Ich habe aufgehört, jeden Tag zu weinen. Interessant, ob einfach die Tränen versiegt sind oder ob die Tabletten ihre Wirkung tun?
Vor dem Fenster sind der Himmel, die Sonne, der Wind, die Bäume, und im Herzen ist Leere.

[8] Grigori Berjoskin (1914–1971) – Ein bekannter sowjetischer Literaturkritiker und Journalist jüdischer Herkunft aus Belarus. Er überlebte die stalinistischen Repressionen und verbrachte Jahre in den Lagern des GULAG. In seinen Arbeiten befasste er sich oft mit der Bewahrung der Wahrheit über das Schicksal von Schriftstellern in totalitären Systemen. Auf der Website der Autorin (storiesabout.ru) ist mittlerweile ein dreiteiliger Dokumentarbericht über das Schicksal und die Geschichte von Grigori Berjoskin veröffentlicht, der auf diesen Archivfunden basiert.
[9] Die Stieftochter von Isaak Kramow. Sie betrachtete ihn als ihren echten Vater und nannte ihn zeit seines Lebens liebevoll „Papa“.
[10] Marusja / Maruschenka – Kosenamen, mit denen enge Freunde die Autorin im Alltag ansprechen, obwohl ihr eigentlicher Vorname Irina lautet.
[11] Jablunyza – Ein malerisches Bergdorf in den ukrainischen Karpaten (Region Iwano-Frankiwsk), nahe dem bekannten Jablunyzkyj-Pass. Es ist ein traditionelles Zentrum der huzulischen Kultur, bekannt für seine unberührte Natur, dichten Nadelwälder und reichhaltigen Pilzvorkommen.
Wenn ich denjenigen finde, der das Friedenszeichen malt, zeige ich ihn bei der Polizei an
21. Juli
Seit drei Stunden, seit ich aus dem Laden zurückgekehrt bin (ich war Brot holen), muss ich ununterbrochen daran denken.
Vor etwa acht Jahren wurde in unserem Haus der Aufzug ausgetauscht. Der neue ist in einem düsteren Blau gehalten, hatte dafür aber eine Zeit lang einen Spiegel. Manchmal, wenn ich gute Laune hatte, lächelte ich mir im Spiegel selbst zu, oder wenn ich schlechte Laune hatte, schnitt ich mir Grimassen. Meistens aber fuhr ich einfach mit dem Rücken zum Spiegel und das Gesicht den Türen zugewandt nach oben.
Irgendwann hat jemand den Spiegel eingeschlagen. Und an seiner Stelle begannen seit Anfang März allerlei Worte, Zeichen und die neu erworbenen Buchstaben aufzutauchen – die Symbole dieses Krieges: V und Z. Es herrschte so ein Kampf in diesem Aufzug – ein Friedenszeichen wurde durchgestrichen, die beiden Buchstaben wurden durchgestrichen, und so weiter.
Heute tauchte dort folgende Aufschrift auf: „Wenn ich denjenigen finde, der das Friedenszeichen malt, zeige ich ihn bei der Polizei an.“
Und nun sitze ich zu Hause, lese ein Buch, esse Wassermelone, trinke Tee und muss ununterbrochen daran denken.

24. Juli
Auf die eine oder andere Weise und mit allerletzter Kraft bringen wir die Wohnung der Kinder in Ordnung.
Fünf Monate des Grauens, fast fünf Monate fernab der Kinder. Und fast fünf Monate bringen wir hier alles in Ordnung. Die ersten drei Monate konnte ich überhaupt nicht hierherkommen.
Alles läuft so parallel ab, ist so miteinander verflochten, so furchterregend und seltsam.
Aber heute haben wir den Flur und die Küche fertig gestrichen.
In dieser Wohnung lebte zuerst mein Vater mit seiner zweiten Frau Tanja und der kleinen Totoschka – meiner Schwester. Später dann meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, und danach begannen die Kinder hier zu leben.
Von meiner Großmutter sind in der Wohnung nur diese drei Gemälde geblieben – Großmutter und Großvater malten, und zum Glück war für diese drei, meine Lieblingsbilder aus der Kindheit, bis zu dieser Zeit hier Platz. Wie es weitergeht – ich weiß es nicht.
25. Juli
Mein Gott, mein ganzes Leben ist ein verdammter Kreis, aus dem es kein Entkommen gibt.
Wir saßen heute lange zusammen und Ru fragte:„Sag mal, wie oft warst du in deiner Kindheit kurz vor dem Ende?
Wo es – schwupps – und alles vorbei gewesen wäre?“„Na ja...“, sagte ich. Obwohl, weißt du was? Vielleicht in jenem Lager in Klin[12]? Aber ich weiß absolut nichts mehr von dort. Einmal habe ich mich vage daran erinnert und es dann wieder vergessen.“
Das Gespräch brach ab, wir machten uns fertig fürs Bett, und als ich dann die Erinnerungen für diesen Tag auf Facebook öffnete, wurde mir trotz der Hitze eiskalt. Obwohl so etwas schon so oft passiert ist, fühlt es sich jedes Mal wie neu an. Ein Beitrag aus dem Jahr 2017.

"Es ist ein verdammt unangenehmes Gefühl, wenn sich in deinem Kopf seit dem frühen Morgen Gedanken drehen, die du einfach nicht entschlüsseln kannst. Als hätte man dir ein Kontrastmittel ins Gehirn gegossen – genau so fühlt es sich an. Du sitzt da und versuchst, irgendetwas zu tun, aber es windet sich dort, in deinem Kopf, in Spiralen und umhüllt dein Gehirn, und du bist zu nichts fähig; du kannst nur in der Ecke in einem alten Sessel sitzen, auf einen Punkt starren und versuchen, die Signale zu verstehen, diesen Bann und den Nebel zu vertreiben. Und du sitzt da wie eine Kapitän-Meduse in ihrer Brücke – willenlos, unverständlich.
Und plötzlich, wie winzige, kleine, helle Lichter, blitzt es in dir auf – du beginnst zu sehen und dich an etwas zu erinnern. Irgendwo am Rande deines Bewusstseins tauchen vereinzelte Bilder auf, und du errätst es: Das ist es, das war es, was dich seit dem Morgen (und vielleicht schon seit langer Zeit) nicht zur Ruhe kommen ließ. Wie eine im Hals steckengebliebene Askorbinka-Tablette (Vitamin-C-Dragee), an der du dich mit sieben Jahren verschluckt hast und die du einfach nicht herunterschlucken konntest, während du dich schon auf einen leisen Tod gefasst machtest – doch plötzlich schmolz sie ein wenig in deiner Kehle, und du konntest endlich aufatmen und deinen Kindergöttern danken. Genau so ist es auch jetzt: Plötzlich ist der Bann fast verflogen, und es ist, als fändest du dich in einem Wald bei Klin wieder, in einem Sommer des Jahres 1983. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, sich daran zu erinnern, wie dich zum ersten Mal in deinem Leben so viele Menschen nicht mochten. Es ist schwer, den Grund für ihren Hass zu benennen. Aber in den ganzen zwei Wochen, die ich in diesem Ferienlager verbrachte, spürte ich ununterbrochen ihre von Verachtung erfüllten Blicke auf mir, hörte ihre Witze und fühlte wohl damals zum ersten Mal im Leben, was das bedeutet: absolute Einsamkeit.

Meine Großmutter war sehr ehrgeizig. Und sie liebte es, wenn alles nach ihren Maßstäben schön und richtig war. Nein, ich mache ihr im Keinsten einen Vorwurf, nur in dem, was „richtig“ war, gingen unsere Meinungen schon immer auseinander. Zwei Sommer hintereinander wurde ich in ein Ferienlager vom Betrieb meines Vaters geschickt. Meine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden und bauten ihr Leben neu auf, und ich fuhr für einen Monat in ein Lager bei Petuschki[12]. Dort hatte ich Angst, ich war die Jüngste, aber da war so ein Gefühl von allgemeiner Liebe und Fürsorge, obwohl es das einfachste Lager vom MICHM-Institut[13] war, wo das wunderbarste Essen aus Bagel-Suschki und mit Salz eingeriebenen Schwarzbrotstücken bestand. Meine Großmutter entschied, dass es genug sei. Dass man mich in ein Lager bei Klin schicken müsse, wo auch die anderen Kinder aus unserem Filmstudio Urlaub machten. Bin ich denn schlechter als sie? Sie glaubte wirklich, dass es ein besserer Sommer werden würde als der Sommer in Petuschki, und ich fuhr hin. In die zweite Schicht. Und genau hier beginnen die Schwierigkeiten, weil ich mich an fast nichts erinnere. Ich erinnere mich nur an diese Welle der Ablehnung, an meine vergeblichen Versuche, mich mit diesen neuen Kindern anzufreunden, und an meine lähmende Angst vor einem abgebrannten Haus – mal hieß es, es sei der Klub gewesen, mal ein Wohngebäude – das auf dem Lagergelände stand. Das war das Einzige, worüber die Mädchen aus der Gruppe mit mir sprachen, wenn sie für ein paar Minuten aufhörten, mich zu verachten und zu hassen. Sie erzählten mir von Schreien, die man dort nachts hörte, von Gespenstern und ähnlichen Dingen, sodass ich mich selbst tagsüber davor fürchtete, an diesem verkohlten Haus vorbeizugehen. Und genau das war es, was mich seit dem Morgen so unruhig gemacht hatte. Ich erinnerte mich daran, was als Nächstes geschah. Ich wollte so verzweifelt mit ihnen befreundet sein (ich hatte damals noch nicht gelernt, im Gegenzug zu verachten – und im Grunde habe ich es bis heute nicht gelernt), dass ich einwilligte, nachts in dieses Haus zu gehen. Sie sagten:
„Na, dann werden wir sehen, dass du keine Memme und keine Dumme bist. Und dann werden wir mit dir befreundet sein.“Ich ging. Ich habe bis heute Angst vor der Nacht. Ich habe bis heute Angst, nachts allein zu gehen.Ein paar Tage später kam meine Großmutter und holte mich ab. Ich erinnere mich an nichts, was dort war, außer an die Nacht ringsum, an das Rascheln, die Schreie, das Lachen und die Silhouette des abgebrannten Hauses mit der leicht geöffneten Tür.

[12] Klin und Petuschki – Bekannte Städte in der nahen Umgebung von Moskau (Oblast Moskau).
[13] MICHM – Das Moskauer Institut für Chemischen Maschinenbau (heute Staatliche Universität für Technische Ökologie). Zu Sowjetzeiten war es üblich, dass große Bildungseinrichtungen und Betriebe eigene Ferienlager im Moskauer Umland für die Kinder ihrer Angestellten unterhielten.



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1. August
Der heißeste Februar meines Lebens. Ich spreche erst gar nicht davon, dass er viel zu lang ist – er will einfach kein Ende nehmen. Und man sehnt sich so sehr nach den klaren, kühlen Augustmorgen, nach den dunklen, duftenden und stillen Augustabenden, und da ist auch schon der wunderschöne September mit seinem Pilzgeruch, mit seinem morgendlichen Nebel, und der malerische Anblick erfreut das Herz, wenn man Hand in Hand spazieren geht, ohne einen einzigen besorgten Gedanken im Kopf. Und das Wichtigste: Dieser schreckliche Februar ist endlich vorbei und es wird nie wieder Krieg, Tränen, Kummer und Angst geben. Und das Wichtigste – alle leben und alle sind nah. Und wenn sie nicht nah sind, dann kann man jeden Augenblick hinfahren und sie umarmen. Herr, wie sehr wünscht man sich einfach ein ganz normales Leben.

Wenig später:
An diesem Wochenende haben wir die Sachen der Kinder weggegeben – Kleidung, Schmuck und Kosmetik der Mädchen, Bleistifte, eine Staffelei, eine Ukulele, Leinwände, Alben. Die Kinder sagten: „Wir möchten, dass unsere oder eure Freunde das nehmen.“ Die Freundinnen der Kinder und unser Patenkind haben die Sachen abgeholt. Für mich selbst habe ich Saschkas Salzlampe mitgenommen und einen Käfig mit einem Vögelchen obendrauf.
Die Kinder sind froh, dass es so gelaufen ist – unter den Eigenen.
Und ich – weine.

2. August
Der 160. Tag. Und man lebt dabei trotzdem irgendwie sein eigenes, seltsames Leben weiter.
Um mich selbst irgendwie ein wenig aufzubauen, habe ich Frühstück gemacht und esse es von meinem Lieblingsteller. Ich liebe die Wassylkiwer Majolika, aber es ist unpraktisch, jeden Tag von den großen Tellern zu essen – man weiß nie, wo man sie hinstellen soll. Deshalb habe ich die Schalen in den täglichen Gebrauch eingeführt, die brauchen weniger Platz. Insgesamt haben wir vier große Teller, zwei kleine, zwei tiefe Schalen und zwei flache Schalen. Und ich weiß noch genau, woher sie alle stammen. Diesen einen hier – meinen absoluten Lieblingsteller – und noch einen, der auch wunderschön ist, haben mir Schurka und Galka in Kiew zum Geburtstag geschenkt. Zwei Schalen habe ich selbst gekauft. Die flachen Schalen und zwei dazugehörige kleine Teller hat mir Ljubotschka in Kolomyja geschenkt, und zwei weitere Teller haben wir selbst in Jaremtsche gekauft.
Ich kann aber die Augen schließen und mich an das alles so unheimlich klar erinnern, dass es mir den Atem raubt und sich mir die Kehle zuschnürt.

Überhaupt ist mir klar geworden, dass ich das Kochen völlig verlernt oder vielmehr die Lust daran verloren habe. Und es ist seltsam, sich das einzugestehen – jeder, der mich persönlich kennt, weiß doch, wie sehr ich es geliebt habe: etwas zuzubereiten, jemanden köstlich zu bewirten, mir etwas Neues auszudenken. Und jetzt – wie eine lästige Pflicht, ungelogen.
Gestern ist Ruslan für ein paar Tage auf die Datscha gefahren – um mal ein bisschen den Kopf freizubekommen, denn er hat nur die Arbeit und an allen Wochenenden die Renovierung. Nun ja, dort wartet zwar auch Arbeit auf ihn, aber dafür gibt es dort stille Datscha-Abende, das Fahrrad, und keine lauten Cliquen unter dem Fenster herumschreien, und es gibt keinen endlosen Lärm, sondern frische Luft. Ich mag diese Datscha nicht, also bin ich hier geblieben.
Und das Lächerlichste ist – am ersten Abend, wenn Ru irgendwohin wegfährt, verhalte ich mich immer wie ein Teenager: Ich stopfe allen möglichen Mist wie Sonnenblumenkerne in mich hinein, rauche in der Küche, schaue mir mit laut aufgedrehtem Ton irgendeinen Quatsch auf Instagram an. Dabei verbietet mir ja niemand, ungesunden Kram zu essen oder Blödsinn zu gucken (außer dem Rauchen, und selbst das nicht immer), aber....
Gestern Nacht war ich zu müde zum Lesen – ich merkte, dass ich den Sinn nicht mehr erfasse, obwohl ich den nächsten Krimi von Kate Atkinson lese; für mehr reicht es im Moment oft nicht. Also beschloss ich, die Serie „The Killing“ noch einmal anzuschauen. Früher hat sie uns sehr gut gefallen. Ich habe mir die erste Folge angesehen, Rotz und Wasser geheult und begriffen: Nein, so etwas darf man sich jetzt auf keinen Fall anschauen.
Im Moment ist es so ein seltsames Gefühl – als ob ich in einer Art Kokon lebe, um mich herum fließt ein meist völlig fremdes Leben vorbei, und über Wasser hält mich nur das Wissen, dass es irgendwo in dieser Stadt vertraute, liebe Menschen gibt, und das hilft ungemein.Und noch etwas: Jedes Mal, wenn mir jemand von meinen Freunden liebe Worte schreibt – ich umarme dich, ich liebe dich, ich bin an deiner Seite – oder einfach so, oder als Antwort auf meine eigenen Worte – ich weine immer. Ich habe diese Eigenschaft früher immer an mir verachtet – dass mir die Tränen so augenblicklich und häufig kommen. Aber jetzt freue ich mich sogar darüber – das bedeutet, dass in mir noch nicht alles erloschen ist.
Ich umarme euch, ich liebe euch, ich bin bei euch.
Jetzt schlägt derjenige, der für den Krieg und Putin ist, vor, um neun Uhr herauszukommen und ihm alles ins Gesicht zu sagen. Ehrlich gesagt, ich hätte große Lust, herauszugehen
7. August.
Ich arbeite schon die ganze Woche mit den Tagebüchern, in denen Grigoriy Berjoskin Kramow aus seinem Leben erzählt. Am Donnerstag schaute Ljuba kurz vorbei und ich sagte zu ihr: „Weißt du, ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts Schrecklicheres gelesen. Ich weiß nicht, aber ich denke mir jetzt, dass meine Arbeit mit diesem Archiv vielleicht die wichtigste Aufgabe in meinem Leben ist, genau dieses sprichwörtliche Rettungsseil".
Gestern haben wir ein wenig mit den Kindern gesprochen. Fünf Monate haben wir uns schon nicht gesehen. Ich möchte sie so unendlich gerne umarmen, aber was für ein Glück ist es doch, dass sie weggegangen sind.
Im Aufzug geht der Krieg der Welten weiter. Jetzt schlägt derjenige, der für den Krieg und Putin ist, vor, um neun Uhr herauszukommen und ihm alles ins Gesicht zu sagen. Ehrlich gesagt, ich hätte große Lust, herauszugehen.
Heute Nachmittag schien die Sonne nicht und es ging ein leichtes Lüftchen, sodass wir sogar einen Spaziergang gemacht haben.
Gestern Abend, schon ziemlich spät, schauten völlig unerwartet Freunde für vorbei. Es war eine große Freude, sie zu sehen.
Wir haben beschlossen, an diesem Wochenende unseren Hochzeitstag der kirchlichen Trauung zu feiern. Mir wurde plötzlich klar, was für eine glückliche Frau ich bin. Früher habe ich das tatsächlich nicht verstanden, habe mich oft wegen aller möglichen Dinge gekränkt, aber das Wichtigste an Ru ist sein Mitgefühl, seine Aufmerksamkeit, seine Zärtlichkeit und nicht ein einziges Fünkchen dieser widerwärtigen, unterdrückenden männlichen „Macht“ und „Rechthaberei“.
Wisst ihr, wann ich mich in ihn verliebt habe? Im Sommer 1992 bekam ich Bauchschmerzen. Ich hatte mich irgendwie schon darauf eingestellt, diesen Schmerz allein durchzustehen, aber plötzlich umgab mich Ru mit einer solchen Fürsorge, Zärtlichkeit und solchem Mitgefühl, wie ich es bis zu diesem Moment in meinem gesamten bewussten Leben noch nie erfahren hatte.
Verzeiht mir, aber als wir heute die Straße entlanggingen, den Wind einfingen und uns an den Händen hielten, dachte ich: Herr, wie glücklich ich in diesem Augenblick bin. Als gäbe es keinen Krieg.
Möge der Krieg so schnell wie möglich enden, mögen alle Lieben für immer zusammen sein.

10. August
Und wisst ihr, ich möchte einfach meine Freunde hier vor Ort unterstützen, denen es genau wie mir bestimmt war, in diesem Land geboren zu werden, und die keine Gelegenheit oder Möglichkeit hatten, das zu ändern. Und jene, die es geschafft haben, sich loszureißen, aber dennoch mit einer unglaublichen Schwere im Herzen leben.
Ich weiß, dass ihr kein einziges Mal etwas gegen euer Gewissen getan habt – ihr habt nicht gewählt, nicht unterstützt, nicht dazu aufgerufen, ihr wart dagegen, habt offen darüber gesprochen und sprecht noch immer darüber, seid all diese Jahre zu den Gerichten und auf die Straßen gegangen, habt bei den Geldstrafen geholfen, habt einander und andere unterstützt; und ich weiß, wie unerträglich es für euch jetzt wegen allem ist, was passiert.
Ihr seid das Beispiel dafür, dass die wichtigste Nationalität darin besteht, ein Mensch zu sein. Und ich liebe euch und bin stolz auf euch.

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17. August
Heute bin ich aufgewacht und habe sofort im selben Moment vergessen, was ich geträumt hatte. Ich konnte Ru nur noch sagen: „Stell dir vor, heute Nacht habe ich von José Arcadio und Aureliano[14] geträumt.“
Als ich mir am Morgen die Nachrichten und den Feed ansah, musste ich plötzlich aus irgendeinem Grund so unheimlich klar daran denken, wie das Abendlicht an herbstlichen Abenden auf dem Bahnhof Schöneberg aussieht. Und mit dieser Erinnerung kamen auch all die Berliner Gerüche zurück – Kaffee, Gebäck, Bier, alte Häuser, Blumen, Marihuana in den Unterführungen, Rapsöl. Und sogar meine Hände riechen aus irgendeinem Grund nach dem Parfüm Pleasures, das in Berlin geblieben ist. Am 2. März 2020 hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich so lange nicht in diese Stadt zurückkehren würde. Jetzt weiß ich nicht einmal, ob ich jemals wieder dorthin zurückkehre.
Überhaupt herrscht in meinem Kopf ein einziges Durcheinander und Leere. Vernünftige Gedanken gibt es kaum, und wenn, dann nur in kurzen Bruchstücken. Dafür wird man noch mehr als sonst von Erinnerungen überrannt. Aus irgendeinem Grund hat sich in meinem Kopf festgesetzt, wie ich als achtjähriges Mädchen meinen Vater besuchte, wenn seine zweite Frau nicht zu Hause war (sie erlaubte es nicht). Damals war Totoschka, meine Halbschwester väterlicherseits, bereits geboren, und ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass mein Vater mir nicht erlaubte, mich mit den Füßen auf das kleine Sofa zu setzen, mit der Erklärung, da sei ja noch ein kleines Kind. Aus irgendeinem Grund hat mich das damals gekränkt, und erst jetzt ist mir klar geworden, warum ich zu Gästen, die uns besuchen, oft sage:
„Setz dich hin, wie es dir bequem ist, wenn du willst, mach es dir mit den Füßen im Sessel oder auf dem Sofa gemütlich.“
Schon merkwürdig.
Neben all dem anderen macht mir die Hitze unheimlich Angst und setzt mir zu. Wie aufgezogen schaue ich auf die Wettervorhersage, und jedes Mal sinkt mir der Mut, weil ich immerzu darauf warte, dass es endlich kühler wird, aber nein. Dabei liebe ich den August mit seinen gewohnt warmen Tagen und kühlen, dunklen Nächten so sehr. Aber was soll man jetzt über die Hitze reden. Gestern sprach ich mit meiner Freundin Sascha und sagte:
„Hauptsache, dieser Horror endet bald – was jammere ich hier wegen der Hitze.“
Am Wochenende saßen Ru und ich nebeneinander, beide finster wie die Nacht. Ich sagte:
„Weißt du, ich habe das Gefühl, dass mein Verstand in jedem Moment in einen Abgrund stürzen könnte und das war’s.“
Ich weiß nicht, was mich hält, aber noch gebe ich nicht auf. Ein wenig hilft die Arbeit mit den Tagebüchern, aber manchmal sitze ich danach innerlich völlig leer da und denke – ach was, nichts hat irgendeinen Sinn, hier wird sowieso immer alles genau so bleiben – für immer.
Ich muss jetzt oft an den Märchenfilm „Marja, die Meisterstrickerin“[15] denken, den ich als Kind so sehr geliebt habe. Sie sagte dort: „Ob Freiheit, ob Unfreiheit – es ist ganz einerlei.“ Und ich habe als Kind immer gedacht: Wie kann das einerlei sein? Und jetzt – es ist schrecklich, sich das einzugestehen –, jetzt verstehe ich es. Und wisst ihr, vielleicht ist genau das die größte Tragödie dieses Landes.
Es ist jammerschade, dass das Leben schon dem Abend entgegengeht und wir den Sonnenaufgang so nie gesehen haben.

[14] José Arcadio und Aureliano – Zentrale Figuren aus dem weltberühmten Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ (1967) des kolumbianischen Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez.
[15] Marja, die Meisterstrickerin – Ein klassischer sowjetischer Märchenfilm von Alexander Rou aus dem Jahr 1960. Das darin vorkommende Motiv der durch einen Zauber teilnahmslos gewordenen Mutter, die apathisch wiederholt: „Ob Freiheit, ob Unfreiheit – es ist ganz einerlei“, gilt in der russischen Intelligenzija als prägnante Metapher für die historische Apathie und die erlernte Hilflosigkeit der russischen Gesellschaft gegenüber totalitärer Willkür.

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23. August
Vor dem Fenster herrscht Nacht. Eine dunkle, schwüle, beklemmende Augustnacht. Ru schläft bereits, und ich versuche es auch, lege das Telefon neben mich – mit laut geschaltetem Ton, um einen Anruf nicht zu verpassen; gestern habe ich drei Anrufe aus Kiew verpasst – und bemühe mich einzuschlafen, aber es gelingt mir nicht.
Es macht mich unaufhörlich fassungslos, wie parallel das Leben jetzt verläuft – irgendwelcher Haushaltskram und Besorgungen, die Arbeit, die Renovierung in der Wohnung der Kinder – und die Tatsache, dass ringsum die Welt einstürzt, dass Menschen sterben. Viele versuchen, aus diesen Scherben ihr Leben zusammenzufügen, viele tun so, als ob nichts passieren würde, viele leben einfach weiter und bei ihnen ist alles bestens. Aber die Welt – sie schmilzt dahin.Und alles ist nicht gut. Alles gerät aus den Fugen und bricht wie dünnes Eis unter deinem Stiefel beim ersten herbstlichen Morgenfrost.
Heute haben wir uns seit vielen Tagen zum ersten Mal mit Ru gestritten. Nun ja, genauer gesagt – wir lagen wohl eher beide wegen irgendeiner Kleinigkeit mit den Nerven blank und haben uns ein bisschen gezankt. Wir haben uns schon wieder versöhnt.
Meine Mama ist krank geworden. Wahrscheinlich hat mein nichtsnutziger Bruder Covid eingeschleppt, Mama hat Fieber und ich drehe durch vor Sorge, wie sie das alles überstehen soll, auch die Hitze und den Brandrauch. Und gleichzeitig denke ich daran, dass ich einen Menschen nicht retten kann, wenn er sich selbst nicht retten will. Das ganze Unglück ist, dass sie mich mit sich hinabziehen will.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich alle verraten habe – dass ich hier geboren wurde, dass ich hier lebe, dass ich nicht weggegangen bin, dass ich weggehen will, dass ich nicht schweige, dass ich schweige.
Immer öfter muss ich an Stefan Zweig und Charlotte Altmann[16] denken. Heute haben Ru und ich gemeinsam an sie gedacht.
Es ist dumm, über all das zu schreiben, als ob man nach Mitleid suchen würde; aber ich suche keines, ich versuche einfach, im Hier und Jetzt zu leben, und das gelingt nicht immer. Schließlich habe auch ich ein Recht auf Schmerz.
Es verging kein Tag, an dem ich nicht an meine Freunde in der Ukraine gedacht und um sie gebangt hätte. Nur fällt es mir im Moment immer schwerer, den Mut aufzubringen, ihnen zu schreiben. Aber meine Liebe zu euch ist unerschütterlich.
Und ich muss auch oft an die ukrainischen Soldaten[17], denken, die bis zum Letzten ihre Heimat verteidigt und den Befehl ausgeführt haben, sich in Gefangenschaft zu begeben. Und ich habe solche Angst um sie, es ist unerträglich, daran zu denken. Und ich verachte mich selbst dafür, dass ich nicht offen darüber schreibe.
Und ich habe einfach Angst.

[16] Stefan Zweig und Charlotte Altmann – Der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig und seine zweite Ehefrau Charlotte „Lotte“ Altmann nahmen sich im Februar 1942 gemeinsam im Exil in Brasilien das Leben. Angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs des Nationalsozialismus und der Zerstörung ihrer geistigen Heimat Europa sahen sie keinen Ausweg mehr. Ihr Schicksal gilt als Symbol für die absolute existenzielle Verzweiflung im Angesicht des Totalitarismus.
[17] Die ukrainischen Kriegsgefangenen – Die Erwähnung der Soldaten, die den Befehl zur Kapitulation ausführten, bezieht sich auf die erbitterte Verteidigung des Stahlwerks Asowstal in Mariupol. Das Schicksal dieser Verteidiger löste weltweit große Sorge und Bestürzung aus.

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Und ich habe Angst vor diesen Menschen um mich herum, die diesen Pygmäen voller Begeisterung preisen
30. August
Heute habe ich meinen Eintrag vom 30. August 2014 wiedergesehen. Eigentlich hatte der Krieg schon damals begonnen; Russland hatte die Krim, Donezk und Luhansk durch Betrug annektiert. Schon damals wirkte das alles absurd und schrecklich. Und selbst damals, als ich die Katastrophe bereits begriff, hätte ich mir niemals vorstellen können, was acht Jahre später passieren würde.

Hier ist mein alter Text von damals:
"Ich befinde mich all diese Tage in einer Art düsteren Abstumpfung. Einerseits die Jobsuche, andererseits all das, was um uns herum passiert. Und es passiert viel. Und dieses Viele will einfach nicht mehr in meinen Kopf hinein. Ich weiß nur eines: Ich bin gegen den Krieg. Und ich bin für die Ukraine. Nicht die Ukraine hat angefangen zu kämpfen. Russland hat diesen hinterhältigen Angriffskrieg entfesselt.Seit dem Februar habe ich das Gefühl, dass schleichend etwas aus meinem Leben verschwindet. Natürlich hätte ich schon damals nachdenken müssen, als Putin zum dritten Mal Präsident wurde. Aber damals schien es, als beträfe das nur unser Land als Ganzes. In einem gemeinsamen Impuls gingen wir zu den Kundgebungen und Demonstrationen, das war sehr ermutigend. Bei der ersten Demonstration zog sich mir sogar das Herz zusammen – da waren so unheimlich viele Menschen, und sie kamen und kamen immer weiter, und ich dachte, dass wir die Situation noch irgendwie drehen können, dass wir stark sind. Und dann kam der Bolotnaja-Platz[18]. Der 6. Mai. Und es wurde klar, dass es jeden von uns treffen kann, dass genau das der unüberhörbare Warnschuss war, dass man darüber nachdenken und etwas tun muss. Ja, es wurde viel getan. Aber wir erwiesen uns am Ende trotzdem als nicht stark genug. Alles wurde nur noch schlimmer. Und wir lebten einfach weiter, in der Hoffnung, dass das alles uns selbst schon irgendwie nicht treffen würde. Und dann, mit buchstäblich jedem Tag, wurden die Entscheidungen unseres Präsidenten und der Regierung immer irrsinniger, und wir saßen in den Küchen und sagten: „Nein, das kann doch nicht sein! Das haben wir doch alles schon vor langer Zeit durchgemacht. Davon haben wir uns doch erst kürzlich befreit – es kann doch nicht alles wieder zurückkehren? Die Leute werden das nicht zulassen!“ Doch, alles kehrt zurück. Und die Leute lassen es zu. Und ich habe Angst vor diesen Menschen um mich herum, die diesen Pygmäen voller Begeisterung preisen.

Und dann kam der Maidan[19], und Ruslan und ich schauten mit stockendem Atem auf diese Menschen, die das taten, was wir nicht geschafft hatten, und wir freuten uns und weinten. Vom 18. bis 20. Februar gingen wir einfach nicht mehr von den Bildschirmen weg, wir riefen unsere Kiewer Freunde an, und das war unheimlich schwer. Dann kam die Krim. Mein Krim. Unser Krim. Den wir uns im Geist als unser zukünftiges Zuhause ausgemalt hatten. Und genau da erlebte ich die tiefste Erschütterung: Niemand tut etwas! Alle reden nur – wir erkennen die Annexion nicht an, Putin ist verrückt geworden. Und nur Worte. Lauter Worte und keinerlei Taten. Und da begriff ich: Er wird alles tun, was er will. Und wenn wir ihn nicht selbst aufhalten, wird ihn niemand aufhalten. Aber das noch Größere schien selbst damals unmöglich. Und dann entschied er, dass ihm die Krim nicht reicht. Und alles – der Frieden in meinem Land und in dem Land, das ich sogar noch mehr liebe als mein eigenes – er brach zusammen. Diesen Frieden gibt es nicht mehr. Es gibt einen schmutzigen Krieg. Aber die Mehrheit ist wieder zufrieden. „Es gibt dort keine Truppen!“, schreien sie. „Die Ukrainer sind Faschisten!“, schreien dieselben Leute.
Ich hätte niemals gedacht, dass ein Mensch, mit dem ich seit meinem 16. Lebensjahr befreundet war, mich eine Mörderin nennen würde. Nicht Putin. Mich.
Wenn ich ehrlich bin, beginne ich allmählich, überhaupt nichts mehr zu verstehen. Einerseits möchte ich einfach untertauchen, nichts sehen und nichts hören, nichts lesen und nicht nachdenken. Aber ich kann es nicht. Ich kann nicht fassen, dass so etwas im Prinzip überhaupt möglich ist. Ich weiß nicht, wie man das ändern soll. Aber irgendetwas müssen wir doch tun? Wir können doch nicht einfach schweigend dabei zusehen, wie unser Land ein anderes Land, die Ukraine, umbringt. Wie soll man denn danach überhaupt weiterleben?"

[18] Der Bolotnaja-Platz (6. Mai 2012) – Ein historischer Platz im Zentrum von Moskau, der im Mai 2012 zum Schauplatz der größten Massendemonstrationen gegen die Amtseinführung Wladimir Putins für seine dritte Amtszeit wurde. Die friedlichen Proteste wurden von der Polizei brutal niedergeschlagen. Der darauffolgende „Bolotnaja-Prozess“ markierte den Beginn einer massiven Welle politischer Repressionen und den Übergang Russlands zu einem offenen autoritären Polizeistaat.
[19] Das Massaker auf dem Maidan (18.–20. Februar 2014) – Die blutigsten Tage der Revolution der Würde in Kiew, als Sondereinheiten des Janukowytsch-Regimes das Feuer auf unbewaffnete Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz eröffneten. Dabei wurden rund einhundert Menschen (die „Himmlische Hundertschaft“) getötet. Kurz darauf floh Janukowytsch nach Russland, und Putin begann mit der verdeckten Invasion der Krim und des Donbas.

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5. September
Dieses Wochenende war das erste freie Wochenende des ganzen Sommers, und wir sind endlich zu einer Freundin gefahren. Wir haben dort sogar Schaschlik gegrillt, Wein getrunken, uns unterhalten und Katzen gestreichelt. Ruslan und L. sprachen unaufhörlich darüber, dass wir Russland so schnell wie möglich verlassen müssen. Ruslan sagte, er habe das Gefühl, uns blieben nur noch ein paar Wochen, und dann würden sie kommen, um uns zu verhaften. Ich wandte träge ein, dass ich meine Mutter nicht allein lassen könne, und schlug Ru vor, zuerst allein wegzugehen, und ich würde dann später nachkommen. Wir sprechen oft darüber, und jedes Mal enden diese Gespräche im Nichts – ich kann mich nicht dazu durchringen, wegzugehen und meine Mutter zurückzulassen, und Ru kann nicht ohne mich gehen.

7. September
Heute bin ich zu Olenka gefahren. Sie ist ganz traurig und wirkt schon völlig erschöpft. Wir haben Tee getrunken, uns unterhalten, und dann bin ich nach Hause gefahren. Am Laden habe ich mich mit Ru getroffen, wir sind ein wenig spaziert und haben Wein gekauft. Zu Hause saßen wir lange zusammen und sprachen wieder über die Abreise und darüber, dass die Zeit knapp wird.

8. September.
Heute Morgen um halb fünf wurden wir von lautem Klopfen und Klingeln an der Tür wachgerissen. „Aufmachen, du Schlampe!“ Bewaffnete Männer stürmten in unsere Wohnung, warfen Ruslan im Flur auf den Boden und mich in der Küche, sie hielten uns Sturmgewehre an den Kopf. Danach gab es eine Hausdurchsuchung, sie beschlagnahmten all unsere Technik, die Telefone, sperrten die Konten. Ruslan wurde zum Verhör abgeführt. Ich blieb allein in der geschändeten Wohnung zurück. Ich werde später über alles schreiben, wenn ich die Kraft dazu finde. Zum Glück wurde Ruslan nach einem fünfstündigen Verhör freigelassen, und später, in der Nacht, gelang es ihm dank der Hilfe von Freunden, zu den Kindern zu fliegen. Ich bin allein zurückgeblieben.
Nachwort
Auf dem Foto oben ist das Bücherregal in unserer Moskauer Wohnung zu sehen, auf dem die Bücher über Kiew, die Krim und die Ukraine standen. Diese Bücher wurden uns von Freunden geschenkt, und wir hüteten sie in unserem Bücherschrank. Als man bei uns die Hausdurchsuchung durchführte, wurden diese Bücher zu einem der Beweise für unsere „Schuld“. Es klingt absurd, aber genau so ist es. Eigentlich wollte ich diesen Teil bis zum Ende dieses schrecklichen Jahres 2022 fortführen, aber ich merkte, dass es einfach zu viel Material ist und es mir selbst unheimlich schwerfällt, das alles noch einmal zu durchleben. Danach verstummte ich für eine gewisse Zeit – ich konnte überhaupt nichts mehr schreiben. Erstens hatte man unsere Telefone und Computer beschlagnahmt, und zweitens stand ich unter permanentem Schock; ich konnte weder essen noch schlafen, ich rauchte nur unaufhörlich und wartete endlos darauf, dass sie wiederkommen würden. Über meine Gefühle und Erlebnisse werde ich später berichten, im dritten Teil dieses Tagebuchs. Aber ich möchte sagen, dass ich niemals all jene vergessen werde, die in diesen für uns schrecklichen Tagen an unserer Seite waren, die zu uns kamen, die sich sorgten, die keine Angst hatten, mit uns zu sein. Und ich möchte heute sagen, dass ich auch diejenigen verstehe, die Angst vor dem Kontakt mit uns hatten, denn dieses System bricht einen auf furchtbare Weise, und man kann es selbst gar nicht bemerken. Ich werde diese Tage niemals vergessen.

Irina Shanaurina
Tagebuch während des Krieges
Übersetzt mit Unterstützung eines KI-Assistenten von Google
Bildredaktion und Layout: Irina Shanaurina
Text von: Irina Shanaurina